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Politische Beziehungen in der Gegenwart
Nach dem Ende des Krieges 1975 führte Hanois Politik, die auf ein enges Bündnis mit der Sowjetunion und auf die Errichtung einer Vormachtstellung in Indochina abzielte, zu einem offenen Konflikt mit China und in eine Wirtschaftskrise in Vietnam. Der chinesisch-vietnamesische Konflikt dieser Zeit entzündete sich vor allem an (außen)politischen Punkten. In höchstem Maße erschrocken über Mao Zedongs Kulturrevolution und die gleichzeitig voranschreitende Annäherung Chinas an die USA ging Vietnams Führung auf Distanz zu Beijing und suchte zugleich einen Schulterschluss mit Moskau. Beijings Versuche, Vietnam durch politischen und ökonomischen Druck von dieser Linie abzubringen, bewirkten das Gegenteil. Hanoi verstärkte stattdessen seine Waffenimporte aus der Sowjetunion und unterzeichnete ein Freundschaftsabkommen mit Moskau. Die Volksrepublik China versuchte dennoch weiterhin die sich abzeichnende Dominanz Vietnams in Indochina mit allen Mitteln zu verhindern.
In den 1980er Jahren zeichnete sich immer deutlicher ab, dass Hanoi sich mit dieser Konfrontationspolitik übernommen hatte. In Kambodscha rieb sich die vietnamesische Armee im Krieg gegen die Roten Khmer, die von Beijing großzügig mit Waffen unterstützt wurden, auf. Chinas Truppenkonzentration an der gemeinsamen Grenze und die Bedrohung einer weiteren Strafexpedition durch den großen Nachbarn im Norden bündelten Vietnams militärische Ressourcen zusätzlich. Vietnams Wirtschaft war angesichts dieser Herausforderungen völlig überfordert. Allgemeine Knappheit war die Folge. Bei der Suche nach einem Ausweg aus dieser Krise bediente sich Hanoi, wie schon so oft in der Geschichte, des chinesischen Vorbilds. In diesem Fall der in der Volksrepublik China seit 1978 eingeleiteten Wirtschaftsreformen. Wenige Jahre später machten schließlich der bedingungslose Abzug der vietnamesischen Truppen aus Kambodscha, Hanois konstruktive Mitarbeit an einer internationalen Vereinbarung zur Regelung des Kambodschakonflikts und nicht zuletzt die chinesisch-sowjetische Aussöhnung den Weg frei für eine Normalisierung der chinesisch-vietnamesischen Beziehungen.
Der Zusammenbruch des Sozialismus in Osteuropa und der Sowjetunion führte China und Vietnam noch enger zusammen. In Hanoi wie in Peking zog man aus diesem historischen Ereignis die Schlussfolgerung, dass der Sozialismus in diesen Ländern deshalb gescheitert sei, weil wirtschaftliche Reformen zu spät und zu zaghaft, politische Reformen dagegen übereilt und ohne ein Konzept vorgenommen wurden. Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Reformen, die eine Ausweitung des privaten Wirtschaftssektors beinhalten, müsse jedoch das Herrschaftsmonopol der Partei um so entschiedener verteidigt werden.
In Erklärungen der Partei- und Staatsführungen beider Länder wird denn auch immer wieder betont, dass man voneinander lernen kann und daher den Erfahrungsaustausch weiter entwickeln muss. Die wechselseitigen Bestärkungen, am eingeschlagenen politischen Kurs unverrückt festzuhalten und entschlossen gegen alle Versuche der friedlichen Evolution vorzugehen, sind daher nicht als ideologische Lippenbekenntnisse, sondern als Ausdruck gemeinsam verstandener Interessen zu verstehen. Denn jede größere Krise des politischen Systems in einem der beiden Länder hätte zwangsläufig negative Auswirkungen auf die politische Stabilität im Nachbarland.
Seit Anfang der 90er Jahre bieten die chinesisch-vietnamesischen Beziehungen ein sehr widersprüchliches Erscheinungsbild. Einerseits wurden seit der Normalisierung der bilateralen Beziehungen 24 gemeinsame Abkommen unterzeichnet und die Handelskurve zwischen den beiden Ländern zeigt seitdem steil nach oben. Andererseits beschuldigen sich - trotz ständig wiederholter Freundschaftsbeteuerungen, eines dichten Austausches von Delegationen auf allen Ebenen und stark angewachsener Handelsbeziehungen - beide Seiten in öffentlichen und sehr scharf formulierten Erklärungen dennoch immer wieder gegenseitig der Verletzung der territorialen Integrität. Einige Beobachter haben daraus bereits den Schluss gezogen, dass längerfristig eine erneute militärische Auseinandersetzung zwischen beiden Ländern wohl unvermeidbar und der Ausgangspunkt für einen groß angelegten militärischen Konflikt in Südostasien sein wird.
Enge Parallelen der beiden Länder in den außenpolitischen Interessen sind gegenwärtig deutlich sichtbar. Beide Länder streben eine rasche Integration in internationale ökonomische und politische Strukturen an. Im Hinblick auf ihre wirtschaftlichen Ziele sind beide Länder sehr interessiert an einem friedlichen Umfeld. Und dennoch ist die Zukunft nicht frei von potenziellen Gefahren. Vietnams Haltung gegenüber China ist zutiefst durch den ständigen Kampf gegen die Bedrohung aus dem Norden geprägt. Aus chinesischer Sicht ist Vietnam eines der Länder, die chinesische Territorien unrechtmäßig besetzt halten, die China von den imperialen Mächten im 19. Jahrhundert weggerissen wurden. Die Tatsache, dass diese Überzeugungen nicht nur von den jeweiligen politischen Führungsmannschaften, sondern auch von den breiten Massen geteilt werden, bringt die Gefahr mit sich, dass eventuelle Konfrontationen leicht zu unkontrollierbaren Prozessen in beiden Ländern geraten können.
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