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Cổ Loa, eine alte vietnamesische Hauptstadt

Nähert man sich dem siebzehn Kilometer nördlich von Hanoi, im Bezirk Đông Anh gelegenen Ort, so fällt zunächst die antike Befestigungsanlage ins Auge. Ringwälle aus rotbrauner Erde umgeben den rechteckigen Wall der inneren Burg. Ursprünglich sollen es neun Bastionen gewesen sein. Erhalten sind außer dem der Burg noch zwei weitere, die heute im Durchschnitt 4 bis 5 Meter hoch sind, an einigen Stellen bis zu 12 Metern. In versetzt angeordneten Lücken befanden sich früher Tore. Feinde konnten also nicht auf geradem Weg ins Innere vordringen. Die ehemals schiffbaren Gräben zwischen den Befestigungen sind weitgehend aufgefüllt. Ursprünglich waren sie mit Flüssen verbunden, die ins Meer mündeten.
Von der Form dieser Schutzwälle rührt der Name Loa Thành, "Schneckenburg", her. Später wurde der Zusatz Cổ (d. h. uralt, antik) beigefügt.

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Lageplan der „Schneckenburg“ (aus Museumsprospekt „Thành Cổ Loa Hà Nội“)
C = Cổng = Tor; Đình chùa = Gemeindepagode; Đền = Tempel;
Giếng Ngọc = Perlenbrunnen (Trọng-Thủy-Brunnen); Thành lũy = Erdwall;
Hào nước = Wassergraben; Quốc Lộ 2 = Landstraße Nr. 2

Gründer der Burg ist der Fürst Thục Phán, der vermutlich im Jahre 258 v. Chr. seine Residenz hierher verlegte. Vorher hatte er sein Stammland Tây Âu („West-Âu“; im heutigen Nordost-Vietnam und dem chinesischen Grenzgebiet) mit dem im Tal des Roten Flusses gelegenen Văn Lang zum Reich Âu Lạc vereinigt und den rätselhaften Titel An Dương Vương, d. h. „König (von?) An Dương“, angenommen.

Entsprechend einer Sage erhielt An Dương Vương die Anleitung zur Errichtung der Verteidigungsanlage von einer göttlichen Schildkröte. Nach Vollendung der Zitadelle schenkte diese ihm eine ihrer Krallen, die er als Abzug in seine Armbrust einbauen sollte. Dadurch erhielt die Waffe übernatürliche Kräfte, konnte Tausende Pfeile auf einmal abschießen.
Dank der Zauberarmbrust wehrte An Dương Vương einen Angriff des chinesischen Generals Zhao Tuo (vietnames. Triệu Đà) ab.
Aber Triệu Đà wandte eine List an. Er täusche Friedenswillen vor und sandte seinen Sohn Jiang Shi (vietnames. Trọng Thủy) mit Geschenken nach Cổ Loa. In Wirklichkeit hatte der Prinz den Auftrag herauszufinden, welches Geheimnis sich hinter der militärischen Stärke des Gegners verbarg. Trọng Thủy gewann die Liebe der Prinzessin Mỵ Châu. Nachdem An Dương Vương ihm seine Tochter zur Frau gegeben hatte, entlockte Trọng Thủy ihr das Geheimnis der Armbrust und tauschte die Zauberkralle gegen eine gewöhnliche aus.
Bei einem Heimatbesuch übergab Trọng Thủy die Kralle seinem Vater. Triệu Đà griff Cổ Loa erneut an, diesmal siegreich. An Dương Vương entkam mit seiner Tochter auf einem Pferd. An der Meeresküste rief er seinen Schildkrötengott. Der erschien und erklärte dem König, hinter ihm säße sein schlimmster Feind. An Dương Vương verstand sogleich, enthauptete seine Tochter im Zorn und verschwand mit der Schildkröte in den Fluten.
Prinz Trọng Thủy, der seine Frau trotz allem liebte, brachte ihren Körper zurück in die eroberte Stadt, bestattete sie und stürzte sich danach in den Brunnen, im welchem Mỵ Châu zu baden pflegte.

Soweit die Legende.

Der chinesische Geschichtsschreiber Sima Qian berichtet, daß Zhao Tuo als Herrscher der vom chinesischen Kaiser abgefallenen Provinz Nanhai („Südmeer“, heute Guangdong) den Titel „König Wu von Süd-Yue“ (d. i. Nan Yue, vietnames. Nam Việt) annahm.
Der Sieg über das benachbarte Âu Lạc datiert (wahrscheinlich) in das Jahr 208 v. Chr.

Bei den auch mit deutscher Unterstützung durchgeführten archäologischen Ausgrabungen in Cổ Loa kamen viele interessante Funde der Stein- und Bronzezeit zutage, darunter Keramik, Schmuck, Äxte, Pflugscharen, Bronzebogen, Tierknochen, Bronzetrommeln und Tausende bronzene Pfeilspitzen heimischer Produktion.
Zwei in Vietnam gefundene bronzene Abzugsvorrichtungen sind ein materieller Beleg für die Legende von der magischen Armbrust. Diese Waffen konnten Pfeile mit größerer Kraft als normale Bögen abschießen. Und die Chinesen bekamen diese Technik von ihren südlichen Nachbarn vermittelt.
Daß das Gebiet von Cổ Loa bereits vor der Gründung Von Âu Lạc besiedelt war, bezeugen auch die kesselförmigen Bronzetrommeln, bei denen es sich um Relikte der Đông-Sơn-Kultur handelt.
Einige der Fundstücke sind im örtlichen Museum zu sehen.

Als General Ngô Quyền nach langen Kämpfen 939 die tausendjährige chinesische Fremdherrschaft beendete und König Vietnams wurde, wählte er Cổ Loa erneut als Hauptstadt.
In der Folgezeit wurden, zum Gedenken an die glorreiche Zeit Vietnams vor der ersten chinesischen Eroberung, die heute vorhandenen Gebäude errichtet.
Zu dem Ensemble gehört der im 17. Jh. errichtete Gemeindetempel (vietnames. Đình Ngư bzw. Đình chùa), wo die göttliche Schildkröte verehrt wird. Im gleichen Hof steht im Schatten eines tausend Jahre alten Banyan-Baumes (vietnames. Cây đa) der im 11. Jh. errichtete Tempel der Prinzessin Mỵ Châu. Die kopflose Prinzessin wird im Innern durch einen mit goldenen und roten Gewändern aus Seide bekleideten Stein symbolisiert. Den durch sein hohes Alter morschen Baum versah man in der Neuzeit mit einer der Stammform nachempfundenen Betonstütze.
Ebenfalls im 11. Jh. wurde auf dem Fundament des alten Palastes der An-Dương-Vương-Tempel errichtet. Zwei Steindrachen an der Eingangstreppe stammen aus der Trần-Dynastie (13./14. Jh.) oder der Späten Lê-Dynastie (15. Jh.).
Den Torturm kann man von der Seite über 40 – 50 cm hohe Stufen besteigen. Oben hat man einen guten Ausblick auf die äußeren Erdwälle, welche teilweise mit dünnen Bäumen bewachsen, inmitten von Reisfeldern stehen. Vor dem Turm befindet sich der Brunnen, in den sich Trọng Thủy gestürzt haben soll - im jetzigen Zustand eher ein Teich, in dessen Mitte sich ein kreisrunder Erddamm befindet, neuerdings mit einer doppelten Ziegelmauer bebaut.
Im Hof des An-Dương-Vương-Tempels waren am Tag unseres Besuchs die zu einem königlichen Gefolge gehörenden Gegenstände aufgebaut: Waffen, Standarden, Sonnenschirme und Fahnen, aufgereiht in speziellen Ständern, außerdem hölzerne Pferde und Trommeln.
Die Bronzestatue des An Dương Vương im Tempelinnern wurde bei einer Restaurierung zu Beginn des 20. Jahrhunderts geschaffen. Sie trägt ein rotes Seidengewand und eine vergoldete Krone.
Weiterhin sind die (natürlich nicht originalen) Schwerter des Königs zu sehen.

Die vietnamesische Regierung plant jetzt den Wiederaufbau des historischen Cổ Loa. Das Projekt umfaßt die Restaurierung der Burgwälle, des Trọng-Thủy-Brunnens und
der Tempel von An Dương Vương und Mỵ Châu.

Co Lua Torturm

Torturm am An-Dương-Vương-Tempel

Co Lua Brunnen

Blick von Innen durch das Tor auf den „Mỵ-Châu-Brunnen“

Co Lua Brunnen

„Mỵ-Châu-Brunnen“ (noch ohne Ziegelmauern)

Erdwälle

Aussicht vom Torturm auf die äußeren Erdwälle der „Schneckenburg“

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Bronzestatue

Bronzestatue des An Dương Vương

Stein

Mỵ-Châu-Stein

Literaturverzeichnis:

Lê Thành Khôi: 3000 Jahre Vietnam, München 1969.

Taylor, Keith Weller: The Birth of Vietnam, Berkeley 1983.

ders.: persönliche Mitteilung zur Bedeutung des Titels “An Dương Vương”

Trần Quốc Vương, Hà Văn Tấn: Lịch Sử Chế Độ Phong Kiến Việt Nam (Geschichte des Feudalismus in Vietnam) Bd. 1, Hànội 1960.

Ủy Ban Khoa Học Xã Hội Việt Nam: Lịch Sử Việt Nam (Geschichte Vietnams) Bd. 1, Hànội 1971.

Watson, Burton (Übers.): Records of the Grand Historian of China, Translated from the Shih chi of Ssu-Ma Ch´ien, New York 1961.

© Text und Fotos: Michael Liebig

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