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Hanoi steht vor dem Verkehrskollaps / Für Vietnams Hauptstadt sind kaum praktikable Lösungen in Sicht.

Verkehr in HanoiDiese Fahrt ins Büro wird Le My Binh, 24 jährige Sekretärin eines ausländischen Unternehmens mit Sitz in Hanoi, so bald nicht vergessen. Als sie gegen Mittag erschöpft und weinend an ihrem Arbeitsplatz eintrifft, hat sie einen 4-stündigen Horrortrip hinter sich. Eingekeilt zwischen hunderten von Motorrollern, in glühender Sonne, ohne Wasser bei 35 Grad im Schatten mußte sie auf ihrem Moped sitzend erleben, wie rings um sie Menschen verzweifeln oder sogar hitzebedingt in Ohnmacht fallen – ein Verkehrsstau gigantischen Ausmaßes hielt Hanoi wieder einmal im Griff. Über Stunden brach der Verkehr in der Innenstadt vollständig zusammen, weil im Zusammenhang mit Bauarbeiten Umleitungen notwendig wurden.

Wenn extreme Zustände wie der geschilderte bisher zwar noch nicht die Regel sind, so ist der Trend doch eindeutig: Die Stadt versinkt zunehmend im Verkehrschaos. Oft als schönste Stadt Asiens gepriesen und zunehmend auch das Ziel deutscher Pauschaltouristen, kämpft die vietnamesische Hauptstadt mit einem Problem, dessen Dimensionen inzwischen selbst bei Verkehrsexperten ratloses Schulterzucken auslöst. Dabei sind es weder die Zahl noch die Größe der Kraftfahrzeuge und LKW, die die Stadt verstopfen, die Luft verpesten und oft selbst kurze Fahrten in den Hauptverkehrszeiten unkalkulierbar machen, es sind die Millionen Motorroller, die sich inzwischen jeder Verkehrsplanung entziehen. Die Fakten sind ernüchternd: Zu den 1,2 Millionen registrierten Mopeds kommt eine unbekannte Zahl an geschmuggelten Fahrzeugen. Die Zuwachszahlen sind auch aufgrund extrem billiger Importe aus China so gigantisch, daß man kaum über die Folgen nachdenken mag: täglich werden in Hanoi offiziell 500 neue Motorroller zugelassen, und jetzt beginnt auch die Zahl der Kraftfahrzeuge, bisher völlig zu vernachlässigen, Monat um Monat stark zuzunehmen. Daimler-Chrysler, mit einem Werk in Ho-Chi-Minh-Stadt vertreten, meldet stark steigende Verkaufszahlen bei Minibussen, und will in Kürze mit der Produktion von PKW beginnen.

Der Anteil der getöteten Kinder ist besonders hoch

Aber Zahlen sagen ja so wenig aus. Erst ein Besuch in einem beliebigen Krankenhaus oder in einer ebenso beliebigen Familie lassen die Probleme klar zutage treten: Ärzte können sich wegen der vielen Unfallopfer kaum noch um ihre reguläre „Kundschaft“ kümmern, und es gibt scheinbar kaum eine Familie in Vietnam, die nicht einen Verkehrstoten oder Schwerverletzten zu beklagen hat. Verkehrsunfälle sind Todesursache Nummer eins bei allen jüngeren Jahrgängen. Im September 2002, dem offiziellen „Monat der Verkehrserziehung“, starben 1000 Menschen auf Vietnams Strasse, dies war die höchste bis dahin ermittelte Todesrate. Damit kommen im Jahresmittel 12.000 Menschen im Verkehr ums Leben, auch hier mit stark steigender Tendenz. Und wie typisch für Entwicklungsländer, ist der Anteil der getöteten Kinder vermutlich besonders hoch, was allerdings aus den offiziellen Zahlen nur schwer abzuleiten ist. Wenn man sieht, wie Fahrzeuge mit Höchstgeschwindigkeit an Kindern vorbeirasen, die zum Beispiel entlang des „Highway No 1“ an und auf der Straße spielen, ist die Gefährdung der Jüngsten offensichtlich.

Wunschlisten und Realitäten: wo sind die Lösungen für Hanoi?

Doch zurück zu den Verkehrsproblemen Hanois. Die in den staatlichen Medien immer wieder erwähnten Großprojekte zur Stabilisierung des Verkehrs werden von vielen Verkehrsplanern als „unrealistisch“ und „Wunschlisten“ bezeichnet. Diese Projekte, darunter eine Hochbahn („Monorail“), eine Straßenbahn, Hoch- und Umgehungsstraßen sowie eine U-Bahn (letztere allerdings bisher nur für Ho Chi Minh City ernsthaft im Gespräch), sollen die erwünschte Entlastung bringen. Dies darf bezweifelt werden, da an keiner Stelle erkennbar ist, wie dies finanziert werden könnte. Die benötigten finanziellen Mittel könnten allenfalls ausländische Investoren aufbringen, die aber vor dem Hintergrund der geringen Kaufkraft in Vietnam noch sehr zurückhaltend sind. Realistische Fahrpreise, die eine Refinanzierung einschließlich Profit garantieren, dürften kaum akzeptiert werden, zumal bisher selbst die Gebühren für Basisinfrastrukturleistungen wie Wasser und Strom weit davon entfernt sind, die tatsächlichen Kosten abzubilden.

Um wenigstens kurzfristig etwas Entlastung zu schaffen, werden nun scheinbar all die Fehler wiederholt, die schon andere asiatische Städte in gesichts- und seelenlose Monstren verwandelt haben: die Neubaustraßen werden immer breiter, ganze Häuserzeilen werden dem Verkehr geopfert, Fußgängerbrücken aus Beton werden angelegt, und die ersten Hochstrassen sind bereits im Bau.

Umweltfreundliche Verkehrsmittel, wie z.B. die berühmten Rikschas („Cyclo“) wurden auf ein reines Touristenvergnügen auf wenigen Altstadtstrassen reduziert. Andernorts dürfen sie bereits nicht mehr fahren, da sie nicht dem Wunschbild einer modernen Stadt entsprechen. Damit entfällt ein billiges Transportmittel für Kurzstrecken, und eine – wenn auch bescheidene – Einkunftsquelle für manche Familie.

Als Maßnahme mit vermutlich katastrophaler Wirkung müssen Planungen bezeichnet werden, die die Anlage von Großparkplätzen im Innenstadtbereich zum Ziel haben. Diese Projekte wurden bereits ausgeschrieben und Flächen ausgewiesen. Die Bagger stehen bereit, Wohngebäude abzureissen...
Aber wie sollen die PKW ihren Weg durch die jetzt schon verstopften Straßen zu den zentralen Parkplätzen finden ?

All diese Maßnahmen zeitigen das vorhersehbare Ergebnis, dass die Zahlen des motorisierten Individualverkehrs weiter ansteigen werden.

Völlig out: Das Fahrrad

Einer Renaissance des Fahrrads, aufgrund der Topographie der Stadt und seiner langen Geschichte als Transportmittel eigentlich für eine Teillösung des Problems prädestiniert, können wohl keine Chancen eingeräumt werden. Es hat inzwischen ein so verheerendes Arme-Leute-Image, daß freiwillig niemand mehr einen Drahtesel benutzt möchte. Speziell für Männer scheint es geradezu eine Zumutung zu sein, dieses ehemals typisch vietnamesische Fortbewegungsmittel zu benutzen. Und im Gegensatz zu China werden bei Starßenneubauten oft keine Fahrradstreifen mehr eingerichtet.

Eine heilige Kuh stellt dagegen das Moped dar: Gehütet wie ein Augapfel und nächtens im Wohnzimmer abgestellt, würde die Beschränkung des Besitzes vermutlich zu einem Volksaufstand führen. Doch was wäre zu tun, um die unheilvolle Entwicklung des Verkehrs in Hanoi aufzuhalten, oder gar abzuwenden?

Stadt- und Verkehrsplaner werden sich enger abstimmen müssen. So löblich es ist, umweltbelastende Betriebe in die Vororte zu verlegen, so sicher wird es zu einem dramatischen Anstieg der Berufsfahrten kommen. In den geplanten Neubaugebieten müssen von Anfang an öffentliche Transportkapazitäten bereitgestellt werden.

Erste positive Ansätze erkennbar

Immerhin, erste Schritte in die richtige Richtung zur Lösung des Verkehrsproblems wurden zögerlich getan: So wurde das Busnetz mit Hilfe von EU-Geldern und deutschen Fachleuten optimiert und deutlich erweitert, moderne Busse kommen inzwischen zum Einsatz, die Frequenz ist erfreulich hoch. Selbst moderne Wartehäuschen wurden installiert, die Schutz vor den tropischen Regengüssen bieten sollen Optimierungsbedarf besteht nach Meinung vieler Hanoier aber noch beim Fahrpreis, der die unterschiedlichen Reiseentfernungen nicht realistisch widerspiegelt.

Auch beim Thema Verkehrsmanagement sind Fortschritte zu erkennen: Flächendeckend wurden Kreuzungen mit modernen Ampelanlagen ausgestattet, die inzwischen nicht mehr hundertprozentig ignoriert werden. Nachdem die Ampelanlagen lange Zeit als „Gerät zur Anzeige von Stromausfällen – keine Farbe, kein Strom“ verspottet wurden, geht die Polizei zunehmend dazu über, „Rotlichtfahrer“ und andere Verkehrssünder empfindlich zu bestrafen. Das effektivste Mittel dazu dürfte der Einzug des Mopeds sein. An einem Wochenende im Januar 2003 wurden fast 2000 Fahrzeuge eingezogen. Nach frühestens 10 und längstens 60 Tagen können sie gegen eine empfindliche Geldstrafe wieder ausgelöst werden.
Zugereiste oder Pendler ohne offiziellen Wohnsitz in Hanoi dürfen inzwischen Motorräder nicht mehr registrieren lassen.

Der Verkehr ist mittlerweile Gesprächsthema Nummer 1 in Hanoi. Jeder ist betroffen, und die Stadtväter haben eines erkannt: Ihr wichtigstes Zukunftsprojekt, die Ankurbelung des Tourismus, droht kläglich zu scheitern, wenn Touristenbusse vier Stunden im Stau stehen müssen, oder Neckermann-Touristen das Überqueren einer Straße schon als Abenteuerurlaub empfinden. Und für Touristen soll ein Vietnam-Besuch ja nur im übertragenen Sinne ein „Ritt auf dem Drachen“ werden.

er Autor kennt Vietnam seit 6 Jahren, ist mit einer Vietnamesin verheiratet, und hat als Internationaler Vertriebsleiter eines Wasserunternehmens alle Transportmittel im Lande ausprobieren „dürfen“.

© Text und Foto Frank Pogade

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