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Die Literatur Vietnams darf mit Stolz auf eine lange traditionsreiche Geschichte zurückblicken. Wenn wir über die Anfänge der vietnamesischen Literatur sprechen, so kommen wir nicht umhin, unseren Blick in den Norden auf den großen Nachbarn China zu werfen, von wo aus die vietnamesische Geschichte, Kultur, Kunst und Literatur entspringen. Mythen, Sagen, Märchengestalten und Legenden umranken die frühen Anfänge der vietnamesischen Erzählungen. Bereits im Jahre 3000 vor Christus soll Lac Long Quan als erster König im Lande der Viet geherrscht haben, während seine Frau, Au Co, die Rolle als Urmutter aller Bergvölker einnahm. Im Laufe ihrer Entwicklungsgeschichte konnte die vietnamesische Literatur von zusätzlichen kulturellen, religiösen sowie ideologischen Komponenten wie von denen des Daoismus (2. Jhdt), Buddhismus (2. Jhdt.) und des Konfuzianismus (10. Jhdt.) stark beeinflußt werden. Der Buddhismus gelangte von Indien über China nach Vietnam. Mit der Gründung der Mahayana-Schule konnte er sich nach und nach im ganzen Land ausbreiten. Schon zur damaligen Zeit unternahmen vietnamesische Mönche (Khuy Xung, Hue Diem, Thi Hanh, Dai Thang Dang) gefährliche Reisen nach Südindien, um die heiligen Sutren des Buddha zu studieren, da die bereits vorhandenen Schriftrollen im eigenen Land nicht ausreichend waren - und deshalb auch unbefriedigend -, um auf ihrer Suche nach religiöser Wahrheit und Erkenntnis ihren geistigen Hunger zu stillen. Die erworbenen Kenntnisse brachten sie sodann nach Vietnam zurück, wo sie diese an ihre Schüler weitergeben konnten. Dadurch wurde der Buddhismus über Jahrhunderte hindurch zum identitäts- und sinnstiftenden Merkmal des einfachen vietnamesischen Volkes, zumal wenn es darum ging, in dauernden Machtkämpfen gegen die Fremdherrschaft der Chinesen einen eigenen und selbständigen vietnamesischen Staat zu errichten. Während die Ideen des Daoismus in ihrer Ausprägung als solche innerhalb der Bevölkerung großen Anklang fanden, wurde die ideologieträchtige Lehre des großen Schriftgelehrten Konfuzius bei der vietnamesischen Oberschicht mit wohlwollener Sympathie aufgenommen.
Aus dieser Entstehungsgeschichte heraus entwickelte sich einerseits die Gelehrtenliteratur (Van hoc bac hoc) mit der chu Han-Schrift (der chinesischen Hyroglyphenschrift) als Medium behördlichen Schriftverkehrs und andererseits die folkloristische Dichtung (Van hoc Dan Gian), die im weiteren Verlauf der Entwicklung der vietnamesischen Literatur die Schriftsprache chu Nom-Schrift (die vietnamesische Hyroglyphenschrift) herausbildete. Sie erwies sich als die einfache Volkssprache, da sie einer breiteren Volksmasse der vietnamesischen Bevölkerung leichter zugänglich war und wurde vor allem dafür eigenentwickelt, um den Charakter des Patriotismus sowie der nationalen Einheit und Souveränität der Vietnamesen gegenüber der tausendjährigen chinesischen Vorherrschaft zu demonstrieren.
Dennoch kann festgestellt werden, daß in den früheren Anfängen der vietnamesischen Literatur die Schriftgelehrten der feudalen Oberschicht in ihren Dichtungen hinsichtlich der Struktur- und Formelemente sich streng nach ästhetischen Prinzipien konfuzianischer Anschauungen orientierten, während die Volksdichtung als solche zu anderen Genres (die zumeist aus mündlich tradierten Stoffen wie Sagen, Mythen und Legenden etc. entnommen wurden), also zu Darstellungen und künstlerischen Verarbeitungen von Begebenheiten im alltäglichen Lebens des einfachen Volkes avancierte.
Die folkloristische Dichtung zeigt vor allem ihre besondere Vorliebe für die metrisch gebundene Sprache, das luc bat, den späteren Versmaß für den Versroman (Truyen), dessen hohe Popularität, in der Verwendung der volkstümlichen Metrik liegend, eine revolutionäre Wende in der vietnamesischen Nom-Literatur erleben wird. Ähnliche Parallelen kann man anhand der Vorkommnisse im frühen Mittelalter in West- und Mitteleuropa beobachten,wo Latein, die Sprache der gebildeten Oberschicht, als Amts- und Kirchensprache allmählich durch die jeweiligen Volkssprachen abgelöst wurde.

Mit der Gründung des ersten, unabhängigen vietnamesischen Staates (939) wurde in Thang Long (im heutigen Hanoi) der königliche Literaturtempel Van Mieu (1070), die erste öffentliche Universität, errichtet. Damit wollten die vietnamesischen Herrscher den chinesischen Aggressoren demonstrieren, daß von nun an Vietnam in seiner wirtschaftlichen, geistig-kulturellen sowie politisch-ideologischen Entwicklung eigene Wege beschreiten werde. Zahlreiche Werke wurden dennoch in der chinesischen Hyroglyphen-Schrift verfaßt, da die damalige Epoche noch in Ermangelung einer eigenen vietnamesischen Schriftsprache erlag. Vom 10. bis 13. Jahrhundert konnten über eine Anzahl von über 50 Autoren registriert werden, wobei die meisten dieser Schriftgelehrten buddhistische Bonzen waren, wohingegen in der Zeit zwischen dem 13. und 14. Jahrhundert die Zahl der Autoren auf über 60 hinausgewachsen ist. Diesmal dominierten die konfuzianischen Schriftgelehrten in ihrer Überzahl. Da zu dieser Zeit aber nur ein winziger Teil der vietnamesischen Bevölkerung der chinesischen Sprache mächtig war, konnten solche Werke ausschließlich von Mitgliedern des königlichen Hauses, sowie von Beamten und schriftkundigen Mönchen rezipiert bzw. reproduziert werden. Von daher leitet sich auch der Name „Gelehrtenliteratur“ ab. Für die herrschende Klasse der Feudalgesellschaft war das Betreiben der bildenden Künste ein wesenticher Bestandteil ihrer Lebensphilosophie. Die Betätigung sowie Gestaltung künstlerischer Poesie war Ausdruck und Zeichen ihres Lebensinhalts. Zur damaligen Zeit wurde diese sogar mit der Bildung gleichgesetzt. Es gab kaum einen Herrscher oder Beamten fürstlicher Abstammung, der nicht seine tiefe Liebe und Leidenschaft zur Poesie bekundet hätte. Viele Mandarins zogen sogar künstlerisches Schaffen dem materiellen Wohlstand vor. Einige lebten bewußt in bitterer Armut, in zurückgezogener Enthaltsamkeit, um ihr Leben einzig der Wissenschaft sowie den bildenden Künsten zu widmen.

Trotz der emsigen Pflege der Gelehrtenliteratur seitens der herrschenden Klasse des Königshauses können bis zum 15. Jahrhundert nur wenige Originale der verfaßten Werke vermerkt werden. Lyrische Texte über mythische Gestalten und Naturerscheinungen sowie königliche Erlässe und Gebetsformeln einzelner buddhistischer Schriftkundigen durchdringen die Werke der damaligen Zeit. Vor allem waren es Werke von Ngo Chan Luu (?-1011) sowie vom König Ly Thai To (974-1028) und vom General Ly Thuong Kiet (1036-1135), des Geschichtsschreibers Le Van Huu (1229-1322), der in der Gelehrtenliteratur insbesondere den patriotischen Charakter hervorhob sowie des Schriftgelehrten Troung Han Sieu (?-1354). Patriotische Gedankeninhalte läßt auch Ly Te Xuyen in seinem historisch-epischen Sammelwerk: „Viet Dien U Linh Tap“ (Unsichtbare Kräfte im Lande der Viet; 1329; und davon gibt es 27 Göttersagen, die ausschließlich der Volksdichtung entlehnt sind) anklingen. Hier faßte er in seinem Vorwort zusammen, daß es in Vietnam schon seit geraumer Zeit eine Verehrung und Anbetung von alten Tempelgeistern sowie heldenhaften Persönlichkeiten gegeben hat, denen das Land an Ruhm und Ehre zu verdanken hat. Auch der Versuch einer biographischen Darstellung aus dem Leben einzelner vietnamesischer Kaiser und Könige wie zum Beispiel vom Herrscher Ngo Quyen (10. Jhdt.) sowie von der Darstellung über die absolute Treue der Untertanen ist dem Geschichtsschreiber insofern gelungen, da der Leser auch hier anhand seiner Schilderungen über den ersten unabhängigen Herrscher Vietnams und über dessen Bekenntnis zur Heimatliebe wiederum das Ringen um das Bewußtsein nach einer eigenen nationalen Identität deutlich wiedererkennt. Auch in den Erzählungen „Bo Cai dai vuong“ (Der erhabene Herrscher ist uns Vater und Mutter) und „Thai uy Trung Phu dung vu uy thang cong“ (Triumph eines treuergebenen Soldaten der Feudalarme), wobei hier der General Ly Thuong Kiet (11. Jhdt.) gemeint ist, kann dieses Bestreben nach der nationalen Einheit in Form von Tugenden wie Patriotismus sowie im absoluten Gehorsam und in der unbedingten Königstreue der Untertanen ausdrücklich nachgewiesen werden. Ly Te Xuyen entnimmt der folkloristischen Dichtung, die sich in mündlich tradierten Elementen, vor allem Sagen- und Legendenstoffe, wie hier in den Erzählungen von den großen Taten der Geister- und Göttergestalten sowie in den Schilderungen über besondere Naturerscheinungen aber auch geographische Eigenheiten Vietnams ausdrückt, und setzte sie künstlerisch um, indem er die verschiedenen Erzählquellen literarisch verknüpfte, um diese anschließend in die Gelehrtenliteratur einzugliedern.
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Im 13. und 14. Jahrhundert konnte mit dem Einsatz der Holztäfelchen (aus China entstammend) für den Buchdruck erst die Möglichkeit einer größeren Verbreitung und Wirkung der vietnamesischen Literatur erweitert werden. Das Werk des Generals, Heerführers und Dichters Nguyen Trai (alias Uc Trai; 1380-1442) „Uc Trai Di Tap“ (Sammlung von Uc Trai) verhalf der Nom-Schrift zu ihrem eigentlichen Durchbruch. Im Jahre 1428, nach dem Sieg der Le über die Ming-Invasoren, kam die Le-Dynastie (1428-1788) an die Macht. Vor allem aber hatte sie diesen Sieg dem Ergebnis des Lam-Son-Aufstandes (1416-1428) zu verdanken. Der Konfuzianismus wurde zur Staatsdoktrin erhoben. Neben zahlreichen Landwirtschaftsreformen konnte auch eine Straffung der ideologischen Führung konfuzianischer Werte vermerkt werden, die sich in der Stabilisierung der verschiedensten Bereiche der Gesellschaft verwirklichen konnte. Dies führte zu einer allgemein positiven Entwicklung des Landes und somit zur künstlerischen Entfaltung des vietnamesischen Feudal-Staates. Erst unter der Herrschaft der ersten beiden Herrscher der Le-Dynastie gelangte die Kunst, Kultur und Literatur Vietnams zur vollen Blüte. Der soziale Aufstieg konnte von nun an nur mit der Ablegung einer schweren Beamtenprüfung (ausschließich aus literarischen Fächern bestehend) auf Chinesisch garantiert werden. Zu dieser Zeit erwarben Künstler, Dichter und Schriftgelehrte hohes politisches Ansehen. Die gesellschaftliche Umwelt konnte sich der Magie und des Zaubers der dichterischen Sprache der Gelehrten nur schwer entziehen. Mit der erstmalig offiziellen Verwendung der Nom-Schrift wurden Werke in chu Han und chu Nom parallel verfaßt. Diese Zweisprachigkeit vollzog sich über Jahrhunderte hindurch, wobei ausdrücklich zu betonen ist, daß die chinesische Sprache, die als Sinnbild und Ausdruck höchster künstlerischer Perfektion in den oberen Kreisen galt, als schöngeistige Literatur-Sprache bis in die Anfänge des 20 Jahrhunderts hineindominieren konnte. Das hatte zur Folge, daß eine zeitweise parallele Entwicklung von eigenen literarischen Genres mit sich zog, die sich allerdings nur in der Sprache unterschieden. Daraus erwuchs ein Gattungssystem, aus welchem die Versliteratur (Van van), die Parallelliteratur (Bien van oder Van doi), sowie die Werke in Prosa (Tan van) herauskristallisierten, sich nach und nach in den einzelnen Genres stabilisieren konnten. Der König Le Thanh Tong (1460-1497) war sehr darauf bedacht, die Entwicklung der Nom-Schift zu forcieren, um diese einer breiteren Volksmasse zugänglich zu machen. Er ließ eigen dafür die „Literaturakademie der 28 Sterne“ bauen (BI Lexikon, S. 110). Nach ihrer Fertigstellung scharte er im ganzen Land die talentiertesten Dichter und Schriftgelehrten zusammen, mit dem ehrgeizigen Ziel, der Poesie neue Anstöße in der vietnamesischen Nationalsprache zu geben. Dies sollte wiederum die nationalen Gefühle sowie das Identitätsbewusstsein der Vietnamesen stärken.

Wie bei Ly Te Xuyen waren auch die Autoren Vu Quynh (1455-1497) und Kieu Phu (?) davon überzeugt, daß die reiche Kultur und lange Tradition des Landes mit all ihren bisherigen Errungenschaften und erworbenem geistigen Gut nur dann gewahrt werden könne, wenn sie in ihrer schriftlichen Verarbeitung niedergeschrieben und fixiert würden. Und nur durch diesen Akt ihrer Festlegung können diese vom vietnamesischen Volk nicht einfach vergessen werden. Nationalgedankliche Beweggründe motivierten sie also, einen Sammelband, auf der Basis der bereits vorhandenen tradierten Stoffe, die gesamtheitliche Geschichte Vietnams zu erstellen, indem sie das mündlich überlieferte Material verknüpften sowie künstlerisch verwerteten, sodaß es am Ende in die Gelehrtenliteratur einverleibt werden konnte. In dieser Zeit entstand das Sammelwerk „Linh Nam Chich Quai“ (Seltsame Geschichten aus dem Lande des Südens), bestehend aus 23 epischen Prosawerken in Han-Schrift; Märchen, Legenden, Mythen, Sagen sowie Chronikalien von einzelnen Persönlichkeiten umranken das umfangreiche literarische Werk. All dieser geistiger Reichtum der vietnamesischen Folklore diente in erster Linie als Grundlage für historisch-soziologische Forschungen. Auch hier kommt der nationale Gedanke eines unabhängigen Vietnams sowie der Stolz, die ausländischen Eroberer Jahrhunderte lang erfolgreich abgewehrt zu haben, zum Ausdruck. „Truyen Dong Thien Vuong“ (Erzählungen über den Himmelskönig Dong), ist zum Beispiel eine von den vielen Legendenerzählungen, in denen ein Wunderknabe, der sich in der schweren Stunde der Nation in wudersamer Weise zu einem ausgewachsenen Kämpfer verwandelte. Mit außerirdischen Kräften ausgestattet, war es ihm sodann gelungen, den übermächtigen Feind zu zerschlagen. Anschließend verschwand dieser genauso schnell wie er erschienen war und konnte von niemandem mehr aufgefunden werden. Diesem Umstand zufolge verlieh ihm der König Hung den Namen „Himmelskönig“. In einer Zeit (ca. 257. v. Chr.), wo sich diese Story ereignet hatte und wo Vietnam als noch kein selbständiges und eigenständiges Staatengebilde dem Nachbarn China tributpflichtig war, jedoch nicht vollständig unterworfen, war es verschiedenen Hung-Herrschern gelungen, einzelne territoriale Gebietsansprüche zu erheben, die sie in zahlreichen Kämpfen der chinesischen Oberherrschaft abgerungen hatten. Auch das von Ngo Si Lien fünfzehnbändige Annalenwerk „Dai Viet Su Ky Toan Thu“ (1497; Die Geschichte von Großvietnam), welches unter anderem auch die Volksdichtung miteinbindet, geht aus dieser Zeit hervor.

Vom 16. bis 19. Jahrhunderts wurde Vietnam ausschließlich von ständigen Krisen, die sich in Bürgerkriegen sowie in zahllosen Bauernaufständen (1771-1789) und feudalen Machtkämpfen nierderschlugen, überschattet. Dazu gehört auch der Tayson-Aufstand (1771-1802), der den Charakter einer frühbürgerlichen Revolution aufweist. Der Nguyen-Dynastie gelang es jedoch, auch diesen letzten bedeutendsten Bauernaufstand zu zerschlagen. Anschließend errichtete sie ein despotisches Herrschaftssytem. Doch sosehr das Bestreben der herrschenden Nguyen auch darin bestand, sich gegen die Fortschritte gesellschaftlicher Entfaltungskräfte durch verschiedene Verboterlässe zu stellen, sosehr scheiterten ihre Anstrengungen an der nicht zu bremsenden Entwicklung derselbigen, zumal wenn die Kolonialisierung (1885) auch vor der Pforte Vietnams nicht haltgemacht hatte.

Aus dem 16. Jahrhundert herausragend sind zwei große literarische Persönlichkeiten zu nennen: Nguyen Binh Khiem (1491-1585) mit dem Werk „Bach Van am thi tap“ (Sammelband von poetischen Texten in der Pagode „Weiße Wolke“), der über mehr als tausend Gedichte in chu Nom und chu han verfaßt hatte und Nguyen Du, dessen literarisches Werk „Truyen Ky Man Luc“ (Umfassende Sammlung wunderbarer Legenden) Novellen enthält, ein Genre, das sich erstmalig mit historischen Fakten in größerem Umfang belegte. Dieser umfangreiche Sammelband wurde zu einem der bedeutendsten prosa-epischen, in Han-Schrift verfaßten Werke der vietnamesischen Literatur und übertraf alle bisherigen Werke an künstlerischer Darbietung. Aufbauend auf bereits schriftlich vorhandenen Erzählstoffen wie Mythen, Sagen, Legenden, Märchen etc. konnte er bis zu über 20 Erzählungen (wobei hier zu vermerken ist, daß „Erzählungen“ keinen „Untergattungsbegriff“ darstellt, sondern als „Oberbegriff“ aufzufassen ist) literarisch verknüpfen. Dazu gehört zum Beispiel „Die Geschichte von der Heirat des Tu Thuc mit einer Fee“ und „Truyen chuc phan su den Tan Vien“ (Die Geschichte vom Dichter aus dem Tempel Tan-Vien) sowie - erstmalig ein neu in Erscheinung tretendes Genre - „die Kurzgeschichte (Truyen ky) über das Mädchen Le Nuong“, die von einem hoffnungslosen Dasein eines geknechteten, kaiserlichen Dienstmädchens im Krieg zwischen den feudalen Herren erzählt; und „die Geschichte von einem jungen Mandarin, der im Spiel verloren hatte, seine Frau dafür an einen reichen Kaufmann verpfändete“ etc.; all dies konnte das damalige Leben der herzlosen Herren der Feudal-Gesellschaft widerspiegeln. Vor allem ist zu erkennen, daß hier erstmalig zeitgeschichtliche Themen aus dem unmittelbaren Umfeld herausgegriffen und künstlerisch weiterverarbeitet wurden.
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Aus diesen Veränderungen gesellschaftspolitischer sowie geistig-kultureller Umwälzungsprozesse heraus entwickelte sich eine eigene Nationalliteratur, die sich neben der folkloristischen Dichtung auch in der schriftlich fixierten Gelehrtenliteratur erweiterte. In dieser Zeit konnten sich anstelle bisheriger Imitationen chinesischer Versschemata erstmalig auch vietnamesische prosodische Formen in der Gelehrtenliteratur festlegen.

Im selben Jahrhundert trat neben dem Chinesischen und Nom als drittes Schriftsystem das lateinschriftliche Alphabet Quoc-ngu, bei dem die vietnamesischen Worttonalen durch Wortzusatzzeichen zu den Vokalen des latinisierten Alphabets hinzugefügt werden. Portugiesische Missionare brachten unter eifrigem Arbeitsaufwand dieses neue Schriftsystem zu seiner Entfaltung. So konnten im 17. Jahrhundert die vietnamesische Literatur von drei verschiedenen Schriftsystemen beherrscht werden. Die Quoc-ngu-Schrift, anfänglich dem völligen Untergang geweiht, gewann im 19. Jahrhundert in der vietnamesischen Literatur immer mehr an Gewichtung, da das Nom allmählich obsolet wurde.


Nach der Einführung der Nom-Schrift wandten sich viele Schriftsteller zeitgeschichtlichen sowie gesellschaftspolitischen Themen zu, die sie in ihren Werken in Form von satirischen sowie humoristischen Erzählweisen niederschrieben. Sie schreckten sich davor nicht zurück, mit schreibender Ironie, Witz, Sarkasmus vor allem mit leidenschaftlicher Spotteslust über die parasitäre herrschende Klasse der Feudal-Gesellschaft einherzufallen, deren dekadente Lebensführung (Dao nho) unter dem Deckmantel frömmelnder Scheinmoralität schon sehr frühzeitig entlarvt wurde.
Die in Nom-Schrift verfaßten Werke wurden zum Synonym gesellschaftskritischer Literatur, die allerdings vorerst zensiert und später sogar per Order (Chieu) des Königs verbrannt wurde (1718). Diese galt in den Reihen der Oberschicht als blasphemisch, königsfeindlich, gesellschaftsschädlich, ordnungs- und sittenwidrig, also literarisch unwürdig; und dies alles in einer Zeit, wo die sogenannte „tugendtragende Literatur“ (Van tai-dao) erlaubt war, die damals im Patriotismus, in der absoluten Königstreue, in dem blinden Gehorsam der Untertanen sowie in der Verherrlichung der Männer etc. begründet lag. Dies erklärt auch den Grund der damaligen Umstände, warum viele Autoren, die ihre Werke in Nom geschrieben hatten, anonym bleiben wollten. Das von einem unbekannten Autor in Nom-Schrift verfaßte, in der vietnamesischen Literatur als das umfangreichste geltende Nom-Werk „Thien Nam Ngu Luc“ (Annalen des göttlichen Südens), in über acht Tausend Versen geschrieben, berichtet über die geographischen Naturschönheiten des Landes wie auch über seine Sitten und Bräuche sowie über die sozialen Mißstände und schlechten Lebensbedingungen des armen und ausgebeuteten Volkes unter der Herrschaft der einzelnen Dynastien. Weitere Autoren und Werke sind hier namentlich zu erwähnen: Von Dan Tran Con mit „Chinh Phu Ngam“ (Klagen einer Soldatenfrau - mit 408 Versen), ursprünglich im klassischen Chinesisch geschrieben, wurde später von Doan Thi Diem (1705-1748) ins vietnamesische Nom übersetzt. Es beschreibt u. a. die unglückliche Situation der Frauen, deren Männer, auf Befehl des Königs in den Krieg gezogen waren und ihre Ehegattinen zu Hause alleine mit den Kindern zurück gelassen hatten. Demnach lag die Ursache allen Unglücks im Krieg, der die ganzen Familien auseinandergerissen und völlig zerstört hatte. Hier treten vor allem erstmalig Antikriegsverse auf, die das Unglück der damaligen Zustände der Frauen besingen. Von Nguyen Gia Thieu (1741-1798) stammt das Werk „Cung Oan“. Es reflektiert u. a. das damalige dekadente Leben der feudalen Herren. Er selbst entstammt der Familie eines Mandarins, die der Trinh-Dynastie loyal ergeben war.
Der Enzyklopädist Le Quy Don (1726-1783) verfaßte mit „Le Trieu Thong Su“ ein dreißigbändiges Werk über die Geschichte der Le-Dynastie sowie „Phu Bien Tap Luc“, welches geographische und ökonomische Daten sowie administrative und institutionelle Beschreibungen aber auch Lebensgewohnheiten und Geflogenheiten der herrschenden Nguyen enthält. Vom selben Autor stammt auch der Sammelband „Kien Van Tieu Luc“, welcher Dokumente über Verwaltungsaufgaben, Gesetzesentwürfe sowie Beschreibungen von einzelnen buddhistischen Sekten in der Zeit der Tran- bis zu der Nguyen-Dynastie umfaßt. Zudem konnte er noch eine sechsbändige Anthologie vietnamesischer Dichtung vervollständigen. Unter der Trinh-Herrschaft diente er als Soldat und widmete gleichzeitig sein Studium wissenschaftlichen Zwecken, vor allem aber europäischen Werken, die schon damals ins Chinesische übersetzt wurden. Neben Sammelbänden, die historische Fakten enthalten, konnte der Autor zusätzlich noch eine Enzyklopädie verfassen, die sich inhaltlich mit philosophischen Fragen wie dem Ursprung des Universums, sowie mit der Frage der Substanz (Khi), des Logos (Ly), des „Nichts“ (Vo cuc) und der Frage nach dem „Ursprung des Lebens“ (Thai Cuc) befaßt.
Nicht zu vergessen sind weitere in diese Zeit hineinfallende Autoren und Werke zu erwähnen: Pham Dinh Ho (1768-1839) mit „Vu Trung Tuy But“ („Essays unter dem Regen verfaßt“); es umfaßt u. a. gesammelte Notizen über öffentliche Einrichtungen, Sitten und Bräuche sowie Alltagsgeschichten unter der Herrschaft der letzten Le-Könige. Zusammen mit Nguyen An (1770-1815) verfaßte derselbe Autor das Werk „Tang Thuong Ngau Luc“, das Sammlungen von Geschichten und Erzählungen, die sich zumeist im 18. Jahrhundert ereigneten, enthält. Der Physiker und Mediziner Le Huu Trac (1720-1791), auch unter dem Pseudonym Hai Thuong Lang Ong bekannt, widmete sich auf verschiedenen naturwissenschaftlichen Gebieten u. a. der Pharmokologie, der Botanik, der Pathologie und befaßte sich vor allem mit Krankheiten, die an Kindern und Frauen festzustellen waren. Mit seinem Sammelband „Thuong Kinh Ky Su“ gibt er u. a. Einblicke in das Leben unter der Trinh-Herrschaft. Von Phan Huy Chu (1782-1840) stammt das 49bändige Werk „Lich Trieu Hien Chuong Loai Chi“ (Chronologie der Dynastien). Es enthält bibliographische Darstellungen von einzelnen Persönlichkeiten und Daten über kulturelle, ökonomische und politische Institutionen sowie Studien über soziologische und geographische Fakten Vietnams.
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Gegen Ende des 18. Jahrhunderts legten zwei große Schriftsteller-Persönlichkeiten in ihren Werken besondere Akzente auf die Rolle der damaligen Frau. Ihre Stellung war - nicht viel anders wie heute - von einer von Männern dominierten Feudal-Gesellschaft schwer benachteiligt. Beide Autoren lassen dieses Thema in ihren schreibenden Künsten auf ihre jeweils unterschiedliche Art reflektieren. Ho Xuan Huong (1772-1822) war die erste vietnamesische Frau überhaupt, die den kühnen Schritt wagte, in ihrer voll von erotisch obszönen Anspielungen sowie von Doppelsinnigkeit durchströmten lyrischen Texten und Liedern die konfuzianische Scheinmoralität der herrschenden Männerklasse anzuprangern, in dem sie sich für schwangere und unverheiratete Frauen (sie selbst war die Nebenfrau eines geadelten Mandarins) einsetzte, sowie sich öffentlich gegen die weitverbreitete Polygamie sowie die Benutzung der Frau als Lustobjekt auftrat. Mit dichterisch-schöpferischem Können beschrieb sie in sensibler sprachlich-versierter Eleganz den wohltuenden Duft der vietnamesischen Landschaft, die harte Arbeit junger Reispflanzerinnen auf den Feldern, das emsige Treiben der Frau am Webstuhl sowie das singende und tanzende Volk an festlichen Tagen. Vor allem ist ihre sprachlich-stilistische Führung von besonderer Vitalität und Originalität, frei von jeglicher chinesischer Imitation und literarischem Lehngut, die die Nom-Literatur auf höchstem Niveau künstlerischen Schaffens mit neuem Sinngehalt beseelen konnte.

Mit Nguyen Du (1765-1820) erlangte die Nom-Literatur ihre wahre Vollendung. In einer Zeit voller politischer Widersprüche, die von sittenwidriger Dekadenz befallen und von gesellschaftlichen Zerfallserscheinungsprozessen gezeichnet war, thematisierte er in seinem einmaligen Meisterwerk „Truyen Kieu“ (Das Mädchen Kieu) - der als erster Versroman (einem bisher unbekannten Erzählstoff aus dem Chinesischen entlehnt) in Nom-Literatur überhaupt hervorgeht -, die Versklavung der Frau und ihre erniedrigende und minderwertige Rolle sowie die unerträgliche Lebenssituation der einfachen Bauern und brachte seine negative sowie verabscheuende Haltung gegenüber dem feudalen Regime der herrschenden Nguyen zum Ausdruck. Langbewährte, jahrhundertalte ethische Werte konfuzianischem Erbe, eingemeißelt in Tugenden wie Moral und Sitte, Gerechtigkeit, Loyalität etc. verloren allmählich ihre Wirksamkeit und Stabilität. An ihre Stelle traten dekadente Züge in Form von Betrug, Erpressung, Verrat und Mißgunst sowie Prostitution etc. in Erscheinung, die eine noch größere soziale Kluft zwischen den einzelnen Gesellschaftsschichten herbeiführte. Ideologie und Herrschaftsprinzip gerieten hier aneinander in Widerspruch. Nguyen Du scheute sich nicht davor, heftige Kritik an die regierenden Bonzen der herrschenden Klasse zu üben, obgleich er dem arisierten Hause eines Mandarins entstammte. Seine weibliche Hauptfigur, die Heldin „Kieu“ - eine Geschichte der Liebe, deren Erzählfluß aber in eine Leidensgeschichte mündet - hatte weder das Recht auf freie Partnerwahl, noch konnte sie ihre Talente zur Entfaltung bringen. Der Vater Kieus, ein ehrenhafter Mann, der seine Schulden nicht rechtzeitig begleichen konnte, wurde von einem Mandarin zwangsvollstreckt. Die Tochter, die als die einzigartige Schönheit im ganzen Land bekannt war, mußte ihren Körper an die feudalen Herren verkaufen, um den Vater von der Gefängnisstrafe zu erlösen. Ein Mißgeschick folgte dem anderen. Vergewaltigung, Demütigungen, körperliche Mißhandlungen sowie Erpressungen aller Art waren Folgen einer töchterlichen Liebe und Opferbereitschaft, die nur über jenen einzigen, individuellen Leidensweg des Mädchens die eigene Familie hatte retten können. Durch zahllose und qualvolle Etappen eines geschundenen Lebens hindurchgewandert und erst nach zwei mißlungenen Selbstmordversuchen konnte die Liebesgeschichte ein glückliches Ende finden, wo zwar sich Kieu mit ihrem ersten Liebhaber Kim sowie mit ihren Eltern glücklich und wohlvereint wiederfand, ihr wahres Glück aber erst im tiefen Verlangen nach Religiosität, im Karma des Buddhismus endgültige Erlösung fand.
Wie Nguyen Du gingen zu dieser Zeit auch Kritiker ähnlicher Nom-Werke mit aller kritischen Schärfe gegen die grausame Herrschaft des Nguyen-Regimes sowie gegen die erniedrigende Stellung der Frau wie auch gegen die Sittenwidrigkeit und Tyrannisierung der Familie seitens des herrschsüchtigen Königshauses vor, basierend auf dem starken Glauben an eine Reorganisation gesellschaftlicher Strukturen, die am Ende als Vollendung in der Bildung eines neuen und stabilen Feudalstaates, sowie in der freien, kreativ-schöpferischen Entfaltung der Individuen hervorgehen soll. Einer von den wenigen erhellenden Momenten in der Leidensgeschichte von Kieu war der Rebell Tu Hai, den sie aus freiem Willen heiratete. Mit einem Heer von mehreren tausend starken Männern, zog dieser in die Welt hinaus, um das Unrecht, das seitens der herrschenden Feudal-Klasse begangen wurde, zu bekämpfen. Nachdem sich der Held von Kieu überzeugen ließ, wieder ein normalbürgerliches Leben zu führen und dem Kaiser treuergeben zu dienen, wurde dieser trotz seines tugendhaften Entschlusses durch die heimtückische List des Kaisers und schließlich von seinen Heerführern zu Fall gebracht. Nguyen Du wählte in seinem Meisterwerk bewußt Motive des tugendhaften Heldentums, die durch Figuren wie Tu Hai versinnbildlicht werden sollen, daß aus den Reihen des einfachen Volkes schon immer herausragende Persönlichkeiten hervorgetreten sind, die für Freiheit, Recht und Gerechtigkeit gekämpft hatten. Dies zeigt sich besonders durch die in diese Zeit hineinfallenden Bauernaufstände deutlich, wo solche mutige Helden - wie zum Beispiel Nguyen Hue im damaligen Tayson-Aufstand - tatsächlich ganze Heerestruppen von Bauern angeführten hatten. Vor allem läßt es sich anfühlen, als ob das einfache Volk nach der Umwertung der Werte schrie und seine Schriftsteller als Stimme und Medium benutzte, um das Unrecht, das ihnen widerfahren war, in ihren geschaffenen Werken in Form von rhythmischen Versmetren dem König und seiner herrschenden Sippschaft vorzutragen. Die Kieu-Geschichte ist ein Werk höchster künstlerisch-sprachlicher Perfektion der Nom-Literatur. Hier wird die Volkssprache als solche in den lyrisch-poetischen Zeilen (an die 3.254 Verse) eines Versromans in schönster literarischer Vollendung präsentiert. Wie kein zweiter hat es Nguyen Du verstanden, die volkstümliche vietnamesische Verschöpfung mit der gediegenen Kultur chinesischer Klassik zu verbinden.
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Infolge der Kolonialisierung im Jahre 1885 kam auch westliches Gedankengut vor allem über die Franzosen nach Vietnam. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts also erlebte die vietnamesische Literatur eine evolutionistische Wende. Die Intellektuellen und Schriftsteller sahen sich darin motiviert, in ihrer Funktion als politische Aufklärer zu wirken, mit dem ehrgeizigen Ziel, zum einen die alten und eisernen Dogmen des Konfuzianismus abzuschütteln und zum anderen, das Land von der Kolonialherrschaft zu befreien, um eine „neue“ vietnamesische Zivilisation aufzubauen. Vor allem waren es große Persönlichkeiten aus dem Westen, für deren Werke sowie persönliches Leben und Werdegang sich die Vietnamesen interessiert hatten. In dieser Zeit wurden Schriften von französischen Aufklärern und Philosophen wie Rousseau, Descartes, Voltaire, Montesquieu, Voltaire etc. aber auch solche von großen internationalen Denkern und Reformisten wie K. Marx, F. Engels, Jeanne d´Arc, Garibaldi, Bismarck etc. in die Quoc ngu-Schrift übersetzt. Darin zeigte sich die positive Haltung des Landes gegenüber dem Westen. Andererseits begann mit dieser Öffnung ein langer Schatten sich über das vietnamesische Volk hinauszudehnen, als der Kaiser Tu Duc 1862 durch seine Nachgiebigkeit den Franzosen gegenüber bereits drei ganze Provinzen abgetreten hatte und später auch die Städte Hanoi und Hai Phong sowie den Roten Fluss für den freien Handel an die Genannten freigab. Nach dem Tode von Tu Duc im Jahre 1883 herrschte im Hofe des Kaisers Uneinigkeit. Die Franzosen nutzten die Gunst der Stunde, in dem sie all ihre Okkupationspläne zu realisieren begannen. Der kaiserliche Erlaß Dong Quangs erklärte schließlich all jene aufrührerischen Patrioten zu „Verrätern“, die sich gegen das französische Herrschaftsprinzip wandten. Damit durchbrach er jene lange Tradition, in welcher die vietnamesischen Monarchen über Jahrhunderte hindurch in zahllosen Kämpfen gegen die Fremdherrschaft anderer Aggressoren zu Felde gezogen waren. Durch diesen Akt war der Verrat des kaiserlichen Hauses am vietnamesischen Volk endgültig besiegelt. In dieser Zeit bildete sich durch die Entwicklung von geringeren kapitalistischen Produktionsverhältnissen eine neue Gesellschaftsform, die sich in die einheimische Bourgeoisie, in eine moderne mittlere Gesellschaftsschicht sowie in die Arbeiterklasse spaltete, wobei ein Großteil der feudalen Institutionen erhalten geblieben waren. Die Ausbeutung an der vietnamesischen Bevölkerung sowie der Raubbau an den Ressourcen des Landes durch die Kolonialisten begannen sich zu wuchern. In dieser Zeit waren es vor allem die kleinbürgerlichen Intellektuellen, die in den zwanziger Jahren die marxistischen Ideen rezipierten und anschließend in die antikolonialistisch-nationale Bewegung integrierten, was schließlich im Jahre 1930 zur Gründung der kommunistischen Partei führte.



In der vietnamesischen Literatur wurden die Vers- und Parallelliteratur durch diese Öffnung gegenüber dem Westen in den Hintergrund gedrängt. Die Verabschiedung von strikten Regeln der Han- und Nom-Literatur schuf Räume für eine andere Form von Lyrik, die eher mit lockeren und freizügigeren Methoden versehen war. Neue Genres, Stilelemente, Metren sowie Methoden entwickelten sich. Infolgedessen bildeten sich realistische, romantische sowie revolutionäre Strömungen, die die ersten Bahnen der vietnamesischen Literatur in die Moderne ebnen konnten. Diese systematische Durchdringung und Aufhebung der national-philologischen Tradition sowie die weltliterarische Horizontöffnung sind Tendenzen in der neueren Entwicklung der vietnamesischen Literatur, die auch hinsichtlich der Erforschung der größten vietnamesischen Schriftstellerpersönlichkeiten sichtbar werden. Auffallend in dieser Zeit ist Truong Vinh Ky (1837-1898). Er verfaßte das erste vietnamesisch-französisch/französisch-vietnamesische Wörterbuch, was seine Sympathie für die westlichen Einflüsse bekundete. Als „Allroundgenie“ konnte er sich in den heimischen, europäischen sowie asiatischen Sprachen- und Dialektengewässern „aalglatt“ bewegen und kämpfte besonders für die gleichberechtigte Rolle der Kulturen. Zudem verfaßte er eigene Gedichte sowie Reportagen und setzte die klassischen, in Nom-Schrift wie auch die auf Chinesisch verfaßten Werke in die neue Quoc ngu-Schrift um. Die verschiedensten Themen wie Religion, Sprachwissenschaft, Geschichte, fremde Kulturen sowie Geographie konnten sich kaum seinem Studieneifer entziehen. Er war sozusagen der erste Pioniergeist der kulturellen Öffnung Vietnams. Anders aber - teilweise sogar sehr skeptisch - verhielten sich seine Zeitgenossen gegenüber diesen gesellschaftlichen Veränderungen. Nebenbei muß man betonen, daß die in diese Zeit hineinfallenden Intellektuellen und Schriftsteller an mehreren Fronten zu kämpfen hatten. Während Nguyen Dinh Chieu (1822-1888) mit dem Werk „Luc Van Tien“ als „letzter Ritter“ seiner Art - d. h. des vietnamesischen Versromans galt, sah ein weiterer Gelehrter Vietnams im japanischen Gesellschaftsmodel ein mustergültiges und nachahmenswertes Vorbild für ein moderneres Vietnam, das frei und losgelöst von starren, fortschrittshemmenden konfuzianischen Dogmen bestehen soll. Es war Phan Boi Chau (1867-1940), der auf der Basis dieser Vision Studienreisen für vietnamesische Studenten nach Japan organisierte. Dieses allgemeine Bestreben nach der Verwirklichung der Idee eines neuen Gesellschaftsmodels veranlaßte die Schriftgelehrten der „Öffentlichen Tongkinger Schule“ (Dong Kinh ngia thuc) Hanois, die Verbreitung der Quoc-ngu-Schrift - um den Reformflügeln des Bildungswesen neue Auftriebsfedern zu verleihen - im ganzen Land zu beschleunigen. Das Quoc ngu soll von nun an als Literatursprache verwendet werden. Der Gedanke, das bisher erworbene vietnamesische Literaturgut in die neue Nationalsprache zu übersetzen, scheiterte jedoch an dem Herrschaftsprinzip der Franzosen, dessen Interesse darin bestand, das vietnamesische Volk so gut wie möglich auf einen niedrigen Bildungsstand zu halten, damit es nicht durch „Aufklärung“ sowie durch die Gründung „einer offenen Gesellschaft“ noch aufrührerischer werde, als es schon ohnedies gewesen war. Trotz der Restriktionen der Kolonialisten konnten sich für die literarische Öffnung des Landes und ihre fortschreitende Entwicklung zwei folgende in Tongking erschienen Zeitschriften verantwortlich zeigen: Die “Don Duong tap chi” (Journal Indochina) und die “Nam phong tap chi” (Journal Südwind); die erstere als Wochenzeitung von 1913-1917, die zweitere als Monatsjournal von 1917-1934. Der Chefredakteur vom „Journal Indochina“ Nguyen Van Vinh übersetzte Werke von bekannten französischen Autoren wie Dumas, Balzac, Moliere, La Fontaine etc. in die neue vietnamesische Nationalsprache. Zwischen 1928-1936 wurden unter der Rubrik „Westeuropäische Ideologie“ als Buchausgaben in Vietnam veröffentlicht. Gleichzeitig waren in dieser Zeitschrift Phan Ke Binh und Nguyen Do als Übersetzer chinesischer Literatur und Philosophie aktiv. Der Chefredakteur von „Südwind“ Pham Quynh, konzentrierte sich mehr auf Studien zu gesellschaftspolitischen, philosophisch-historischen Fragen sowie auf Beiträge zu literaturkritischen Themen, die er zum Großteil selbst erarbeitete. Bekannte Schriftsteller und Poeten namentlich Nguyen Ba Hoc (1857-1921) sowie Pham Duy Ton (1883-1924) arbeiteten damals unter eifrigen Ambitionen mit. Aufgrund dieser nicht aufzuhaltenden Entwicklungen wurde die vietnamesische Gelehrtenliteratur nach und nach völlig in den Hintergrund verdrängt. Dem zufolge formte sich mit der Zeit eine neue Gattung in der vietnamesischen Literatur: Der erste vietnamesische „Kurzroman“ wurde geboren.
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Der erste Kurzroman „To Tam“ (Das Mädchen To Tam; 1922), verfaßt von Hoang Ngoc Phach (1896-1973) brachte sodann die vietnamesische Literatur-Moderne zu ihrem eigentlichen Durchbruch. Dieser Roman erzählt über zwei junge Menschen, die sich kennengelernt und ineinander verliebt haben, die aber aufgrund rigoroser Normen des noch die damalige vietnamesische Gesellschaft beherrschenden, halbfeudalen Systems den Bund der Ehe nicht eingehen konnten. Das Mädchen To Tam (dem Namen einer Ochideenblüte entnommen), das bereits einem Jungen der befreundeten Familie ihrer Eltern versprochen war, zerbrach psychisch und physisch an den Wundmalen ihrer Liebe zu Dam Thuy, dem ebenfalls eine andere Frau auserwählt wurde, und verstarb unmittelbar nach ihrer Hochzeit. In einer Zeit, wo die traditionelle Beamtenprüfung (die letzte fand nämlich 1920 statt) endgültig der Vergangenheit angehören sollte, war die Euphorie eines sich dem Westen zugewandten, neuen sowie aufgeschlossenen modernen Vietnams sehr groß, die sich aber gleichsam in der Desillusionierung und in den Enttäuschungen wieder erlosch, da auch in den dreißiger Jahren die alten moralischen Werte und Gesetze die vietnamesische Gesellschaft noch eisern dominieren konnten. Alte Denkmuster wie „Ein Mann stellt etwas dar, zehn Frauen sind aber noch nichts“ (Nguyen Duc Su, S. 244) waren zu dieser Zeit noch in den Köpfen der Männer tief eingeprägt. H. N. Phach bearbeitete zeitgeschichtliche Themen gesellschaftlichen Umfeldes wie zum Beispiel, daß auch zu diesen Zeit den Frauen immer noch das Recht auf freie Partnerwahl verweigert wurde, mit neuen Darstellungsmitteln, mit welchen er seine weibliche Hauptfigur an ihrem seelischen Leiden zusammenbrechen ließ. Hier macht sich erkennbar, daß in der vietnamesischen Literatur derartige Lösungen von gesellschaftsbezogenen Konflikten erstmalig auftreten, da gewöhnlicherweise in allen bisherigen Romanerzählungen die Geschichte ein „Happy End“ gefunden hat. Zum ersten Mal tritt hier die Ich-Erzählsituation in Erscheinung, begleitet von einem medialen Erzähler, der vielmehr die Funktion eines generalisierenden Erzählers besitzt und der dafür verwendet wird, um den Ich-Erzähler Dam Thuy einzuführen. Interessanterweise entnimmt H. N. Phach für sein Werk sprachliche Ausdrucksweisen aus dem Roman „Das Mädchen Kieu“. Dieser Akt weist darauf hin, daß er nicht nur die neue, moderne an die alte prosa-epische Literatur anknüpft, sondern daß er durch diesen besonderen Akt der heimischen Literatur eine zusätzliche Komponente an Eigenheit und Spezifik verleiht. Trotz neuer modifizierter Erzähltechnik kann dennoch in der Schreibweise alte traditionelle Elemente entdeckt werden, die sich in der Symbolanwendungstechnik, in der Coexistenz verschiedener sprachlich-literarischer Darstellungsexponaten äußern. Es ist weiterhin nicht wegzulgeugnen, daß der Autor sich der realistischen Methode bedient, um sich mit der zentralen Thematik: dem Leitmotiv „Liebe“ mit all ihren gesellschaftsbeherrschenden Prinzipien, Dogmen, Ideologien, Erziehungsmethoden, Harmoniebestrebungen sowie emotionalen Konflikten kritisch auseinanderzusetzen und sodann in künstlerischer Darbietung aus verschiedenen Blickwinkeln heraus zu reflektieren sucht. Diese neue Form von Reflexion d. h. von Vermittlung von Gedankenimpulsen, die den Leser zum Nachsinnen bzw. zum Umdenken anregen sollte, erfüllt in klarer Weise die funktionale Aufgabe eines humanisierenden Romans, welche in der realistischen Methode begründet liegt. Die Genese dieses neuen Roman-Typus mit seinem besonderen nationalen Charakter ist hinsichtlich der Genrespezifik auch der eigentliche moderne Romantyp der Gegenwart. Demnach tritt hier der Humanismus erstmalig in der vietnamesischen Literatur in Erscheinung.

Aus dem politisch-historischen Hintergrund dessen, daß Vietnam bis 1945 als noch kolonial- und halbfeudal geführter Staat galt, kann seine literarisch-historische Entwicklung sowohl in quantitativer als auch in qualitativer Richtung in den verschiedensten literarischen Methoden aufgrund verschiedener, parallelexistierender Strömungen beobachtet werden. Insbesondere die romantische und die kritisch-realistische Methode konnten sich während dieser Zeitspanne durchsetzen. Schriftsteller aus dieser Zeit zeigten sich kritisch sowohl gegenüber dem alten konfuzianischen Dogmatismus als auch gegenüber dem neuen Herrschaftsprinzip des Kolonialismus. Vor allem aber kämpften sie für die freie künstlerische Entfaltung der Individuen sowie für die Gleichberechtigung der Frau wie auch für die Beseitigung der Massenarmut und der vielen Mißstände im Land. Heftige Diskussionen zwischen den einzelnen Strömungen löste beispielsweise der Schriftsteller Nguyen Cong Hoan (1903-1977), der anno 1935 das Werk unter dem Titel „Kep Tu Ben“ (Der Schauspieler Tu Ben) veröffentlichte. Über 18 Zeitschriften diskutierten in dieser Zeit über das Thema „l´Art pour l´Art“ (Kunst für die Kunst) oder „l´Art pour la vie“ (Kunst für das Leben). Besonders über den positiven Ausgang aus dieser Debatte konnten sich die Vertreter der „lebensbejahenden Kunst“ freuen. Diese romantische Methode, die die Dialektik zwischen Persönlichkeit und feudaler Moralität darstellt, verschwand allmählich, da sie nicht mehr die progressiven Veränderungen der Gesellschaft zum Thema wählte, sondern sich viel eher Grundthemen wie solchen, die den religiösen Bedürfnissen des Menschen entsprungen sind sowie dem Vergessen und Verdrängen der Wirklichkeit als solche, zuwandte. Es waren aber auch die Dichter und Literaturkritiker der ehemaligen Romantik und der „L´Art pour l´Art-Bewegung“, die die Augustrevolution von 1945 mit besonderem Enthusiasmus begrüßten, deren Leidensweg durch das Feuer des neunjährigen Widerstandskampfes gegen den französischen Imperialismus durchwandert hatten und unter schwierigsten politischen Bedingungen Pionierarbeit für eine neue vietnamesische Literatur geleistet hatten.

Während der Zeit - zwischen 1930 und 1945 entwickelte sich parallel dazu eine weitere realistische Methode, die, anders als die real-kritische - um exakter auszudrücken - man auch die „sozialkritisch-humanistische Gestaltung“ (U. Lies, Literaturakademie der 28 Sterne, S. 149) nennen könnte. Intellektuelle und Vertreter dieser Strömung wie Ngo Tat To (1892-1954), Nguyen Hong (1918-1982) sowie Nam Cao (1917-1951) griffen bewußt nach Themen aus dem Leben der Arbeiterklasse sowie der Kontra-Revolutionäre, welche in den Gefängnissen der französischen Kolonialmacht unter brutaler Folter und Gewalt zugrundegegangen waren. So wird im vietnamesischen Literaturfachjargon die realistische Methode der revolutionären Literatur, die sich jedoch in der Epik vor allem aber im Roman kaum behaupten konnte, zugeordnet. Zu Hauptvertretern dieser Richtung gehören Ho Chi Minh (1890-1969), Xuan Dieu (1917-1985), To Huu (geboren 1920), Nguyen Dinh Thi (geboren 1924). Werke mit revolutionärem Inhalt waren zwar verboten, sie wurden jedoch insofern von den Vietnamesen gerne gelesen, da sie sich bewußt gegen die brutale französische Diktatur wandten. Nach 1945 konnte sich die sozialistisch-realistische Methode in der vietnamesischen Fachliteratur durchsetzen. Nguyen Ngoc mit dem Roman „Dat nuoc dung len“, 1956 (wörtlich übersetzt: Das Land erhebt sich; von C. Barkhausen aber mit: „Die Feuer der Ba-na“ 1982 übertragen) zählt zu einem ihrer Hauptvertreter.

In den 80er Jahren erlebte die vietnamesische Literatur durch Schriftsteller wie Ma Van Khang (1936 geboren), Le Luu (geboren 1942), Nguyen Huy Thiep (geboren 1950) sowie Duong Thu Huong (geboren 1947) mit dem Roman „Chuyen tinh ke truoc luc rang dong“ („Liebesgeschichte, vor der Dämmerung erzählt“; übertragen von U. Lies) etc., einen neuen Auftrieb. Ihre Werke zeichnen sich vor allem durch die kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte des Landes aus sowie durch die Überwindung der literarischen Enge sozialistischer Themen. D. T. Huong zum Beispiel, welche am nationalen Befreiungskampf aktiv teilgenommen hatte, 1990 wegen ihrer Kritik am herrschenden kommunistischen Regime aus der Partei ausgeschlossen wurde und sich von April bis November 1991 in Haft befand, gehört heute zu Vietnams populärsten Schriftstellern.

Zum Schluß bleibt noch eine kleine Anmerkung anzuführen:
Trotz der zahllosen Entwicklungsstufen, auf denen die vietnamesische Literatur über Jahrhunderte hindurch in den literarischen Sternenhimmel immer höher hinaufgestiegen ist, um in ihrer aufklärerischen, politisch-moralischen sowie gesellschaftskritischen Funktion und Rolle gerechter zu werden, bleibt im tiefen Grunde einer Schriftstellerseele ein einziger, unausgesprochener, leiser und sehnsüchtiger Wunsch offen: daß künftig Vietams Literaturtöchter und -söhne nicht immer dann zu ihren Meisterwerken schreiten müssen, wenn korrupte politische Systeme, Fremdherrschaftsprinzipien sowie starre Ideologieformen metaphysischer Anschauungen auf Kosten des vietnamesischen Volkes zum Tragen kommen wollen, sondern daß dieser Hoffnungskeim viel eher auf einen literarischen Nährboden fallen möge, der der Entwicklung jener geistig-schöpferischen Freiheit von individuellen Kreativkräften zum stabilen Wachsen verhilft, woraus die neugeborenen literarischen Sternfunken dieses Landes den lyrischen Horizonten von Morgen freudig entgegenglitzern dürfen.

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Die Klassifizierung der Gattungen in der vietnamesischen Literatur

Während die Aspekte der Gattungsproblematik den europäischen Literaturwissenschaftlern von der entwicklungsgeschichtlichen Genese her durchaus vertraut sind, bleiben für dieselben Europäer die Ansichten der vietnamesischen Literaturkritiker nach wie vor unbekannt. Der „Gattungsbegriff“ (Loai the) als solcher erweist sich nach Phuong Luu in der vietnamesischen Terminologie als begrifflich nicht exakt eingrenzend (Tu dien van hoc, 1983). „Loai“ ist hier als umfassender Begriff aufzufassen d. h. er kann mit „Gattung“ übersetzt zu werden, während „the“ im eingeschränkteren Sinne als „Genre“ aufgefaßt wird. „Loai the“ drückt also im Vietnamesischen sowohl die übergeordnete als auch die untergeordnete Kategorie aus. So kann durchaus vorkommen, daß dieser Terminus bei der Einteilung von Gattungen und Genres leicht zu Mißverständnissen führt, da er in der Begriffsbestimmung seines Begriffsumfangs gewöhnlich etwas zu weit ausgeholt und manchmal wiederum zu eng eingegrenzt wird. Phuong Luu nennt die Epik (Tu su) als erzählende Gattung, die allgemein sich im grösseren Umfang erfaßt und die sich in der abgerundeten Fabel bzw. Gestaltungsentwicklung wiederfindet (Tu dien, tap I. S. 398). Die Lyrik (Tru tinh) hingegen wird von ihm als ein emotionaler Zustand von Melancholie und Einsamkeit mit einem relativ kleinen Umfang dargestellt (Tu dien, tap I S. 398). Und die Dramatik (Kich) ist für ihn sehr stark an die Epik anlehnend, die sich in Widersprüchen und lösungssuchenden Gesellschaftskonflikten gestaltet (Tu dien, tap I S.398). Die Kernaussage der Dramatik spiegelt die Realität in ihrer zeitlichen Begrenzung auf der Bühne wider, ohne jegliche „Führungsgestaltung“ d. h. eine Gattung, die sich selbst führt und erzählt. Jedoch ist für eine bestimmte Gattung in der vietnamesischen Literatur vor allem die gewählte Sprache - ob metrisch ungebunden oder gebunden - für ein geschaffenes Kunstwerk nicht ausschlaggebend (Tu dien, tap I, S. 398). Damit stimmen Phuong Luus Charakterisierungen mit den europäischen Auffassungen überein, wenn auch die Beziehung des Menschen zur realen Welt, welche die Dichter in ihren Werken zu reflektieren suchen, nicht immer klar definiert wird. In seinen Ausführungen geht Phuong Luus noch einen Schritt weiter. Neben den drei Hauptgattungen geht für ihn noch eine vierte hervor. So können in der vietnamesischen, historisch-literarischen Entwicklungsgeschichte vier Hauptgattungen vermerkt werden; nämlich in Tho (Gedicht), Tieu thuyet (Roman), Kich (Drama) sowie Ky (Tatsachenbericht, im modernen Sinne auch mit Reportage übersetzt). Er führt aus, daß „mit ihren Besonderheiten jede Gattung eine starke und eine schwache Seite aufweist. So zeichnet sich in der Linienführung zum Beispiel das Drama im Vergleich zum Roman viel direkter aus. Der Tatsachenbericht gibt die unmittelbare Realität wieder, während der Roman die Realität als solche in größerem Umfang erfaßt. Es gibt daher keine übergeordneten oder untergeordneten Ränge innerhalb der Gattungsbestimmung. Doch je nach „starker“ oder „schwacher“ Neigung zu einer bestimmten Gattung, kann das entfaltete Talent der einzelnen Schriftstellers und dessen Realisierung in die einzelnen Hauptbereiche hineingeordnet werden (Tu dien, tap I, S. 399). Phuong Luu verweist insbesondere auf das Prinzip des nationalen Charakters in der Analyse der Gattungstheorie, welches sich auf die entsprechenden historischen Entwicklungensbedingungen der Gesellschaft eines jeweiligen Landes niederschlägt. „So ist die Entwicklungsgeschichte der Völker nicht gleich, da sie auf die unterschiedlichen kulturellen Traditionen der einzelen Länder zurückzuführen sind und infolgedessen auch die literarische Gattungsentwicklung unterschiedlich verläuft (Tu dien, tap I, S. 399). Bei den vietnamesischen Literaturtheoretikern herrscht im Allgemeinen keine einheitliche Meinung über die Gattungstheorie. So tritt auch eine andere Form von Einteilungen von Gattungen zu Tage, die ebenfalls weitverbreitet ist: Tho ca (Gedicht-Lied), Van xuoi (Prosa) sowie Truyen (Erzählungen). Wie Phuong Luu erkennen auch Literaturwissenschaftler der Schriftstellerakademie Nguyen Du die Problematik der Gattungen in der gegenwärtigen Literatur Vietnams. Dennoch können sie im 20. Jahrhundert der vietnamesischen Literatur ein grundliegendes Konzept liefern. Dieses gründet sich in drei Widerspiegelungsformen des Lebens (Phuong thuc phan anh doi song) durch die Literatur: in der lyrischen, dramatischen sowie der prosa-epischen zugewandten.



Die Klassifizierung der Han-Literatur

Wie bereits oben angeführt entwickelte sich im 10. Jahrhundert die Van hoc bac hoc (Gelehrtenliteratur). Die in die Zeit vom 10.- 13. Jahrhundert hineinfallenden Werke wurden in chu Han verfaßt. Durch den starken chinesischen Einfluß im Norden waren für die Durchsetzung des Literaturverständnisses die ästhetischen Anschauungen des Konfuzianismus mit seiner ideologieträchtigen Lehre ausschlaggebend, die sich in der funktionalen Aufgabe vor allem in der Musik sowie in der Literatur als Träger und Vermittler politischer und ethischer Normen verantwortlich zeigen. Über tausend Jahre hindurch konnten sich in der vietnamesischen Literatur eigene Gattungen und Genres herausbilden, die sich durch die künstlerischen Bestrebungen nach Perfektion hinsichtlich der Form und des Inhalts auszeichnen. In dieser Zeit wird die Han-Literatur in die politisch-polemische (im Folgenden auch Chinh luan-Literatur genannt) und in die schöngeistige Literatur eingeteilt. Bis zum 20. Jahrhundert konnten beide Gruppen die Hauptsäulen der künstlerischen Literatur bilden.
Die Chinh luan-Literatur befaßt sich ausschließlich mit gesellschaftspolitischen Themen und ist in der Folge auch „polemisch“ angehaucht, die Meinungen diskutieren, kritisch reflektieren bwz. polemisieren. In die Chinh luan-Literatur wird zum Beispiel „Binh Ngo Dai cao“ von Nguyen Trai eingeteilt. Die meisten Genres der Chinh luan-Literatur setzen sich aus lyrischen, epischen und literarischen Genres zusammen.

Die zweite Gruppe der Han-Literatur (die auch als schöngeistige Literatur bezeichnet wird) ist die Van hoc hinh tuong, die, wörtlich übersetzt, die bildliche Literatur bedeutet.
Die schöngeistige Literatur wird untergliedert in Van van (Versliteratur), in die Bien van oder Van doi (Parallelliteratur) und in die Tan van (Prosa/im ehemaligen Sinne) untergliedert wird. In der Versliteratur dreht es sich hauptsächlich um lyrische Texte, die in Versform geschrieben werden. Hingegen stellt die Bien van-Literatur (auf chinesisch Pianwen oder Piantiwen, mit parallele Prosa übersetzt) in der literarischen Form der Sprache etwas dar, was sich in den verschiedenen Genretypen ausdrückt, also ein Genre, das sich „durch parallele und antithetische Ordnung von Wort und Satzpaaren sowie metrischen und grammatischen Parallelismus“ präsentiert (BI Lexikon, S. 244). Der Begriff Parallelliteratur wird im Vietnamesischen mehrfach ausgelegt. Darin wird auch der Terminus bien ngau verwendet, wobei die beiden genannten Silben eher einen symbolischen Charakter besitzen. Im übertragenen Sinne wird „bien“ bezeichnet, wenn zum Beispiel zwei Pferde, die parallel nebeneinander einhergallopieren, zufällig (ngau) ein Paar werden (Tu dien, tap I, S. 73). Ganz typisch für die Parallelliteratur ist auch die doi-Silbe (in Van doi), die wiederum auf den antithetischen wie auch auf den symmetrischen Charakter hinweisen. Aus der Bündelung dieser drei Bedeutungen heraus, die das Wesen der Parallelliteratur bestimmen, muß immer folgende Grundregel beachtet werden: „zwei gleichwertige Ideen/Gedanken sollen künstlerisch so gestaltet werden, daß sie, nach festgelegten Regeln, eine grammatische, eine metrische und eine semantische Symmetrie aufweisen“ (Tu dien, tap I, S. 73). Die Genres der Parallelliteratur gehörten über mehrere Jahrhunderte hindurch zu den künstlerisch anspruchsvollsten in der vietnamesischen Literatur überhaupt. Es bleibt noch die Prosa-Literatur (Tan van), die der schöngeistigen Literatur zugeordnet wird. Die Chinh luan-Literatur wird ebenfalls in Prosa geschrieben und besteht aus folgenden Genres: van hoc chinh tri (politische Literatur), van hoc su hoc (historische Literatur) und van hoc triet hoc (philosophische Literatur). Trotz der zahlreichen, in diese Zeit hineinfallenden Werke muss dennoch daraufhin verwiesen werden, daß die Prosa-Werke der vietnamesischen Literatur, mit Ausnahme des Briefes (der in beiden Sprachen geschrieben wurde), bis zum 20. Jahrhundert ausschließlich in chinesisch verfaßt wurden.
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Überblicksmäßig ergibt sich folgendes Schema:

literatur1

(Literaturakademie der 28 Sterne, U. Lies, S. 25)

Diese Klassifizierung ist jedoch nicht definitiv, da sich die vietnamesische Literatur im ständigen Wandel befand und welche auch im weiteren Verlauf zu neuen Themen und Genres avancierte. Dies zeigte sich erst dann, nachdem die Nom-Schrift entwickelt wurde.


Die Klassifizierung der Nom-Literatur

Nach der Gründung des ersten unabhängigen vietnamesischen Staates im Jahre 939 bestanden die Bemühungen der vietnamesischen Herrscher vor allem darin, eine eigene Nationalsprache zu entwickeln, was schließlich zur Genese der Nom-Schrift führte. Insbesondere gründet diese Anstrengung in dem Gedanken, die eigene Souveränität und Selbständigkeit zu unterstreichen. Die Methode, die dafür verwendet wurde, um die Nom-Schrift als solche in ihre Existenz zu rufen, war recht einfach: Ein chinesisches Zeichen wurde in seiner Bedeutung oder seinem Sinngehalt übernommen, dafür aber in seiner sprachlichen Ausdrucksweise auf vietnamesisch prononziert; oder dem Chinesischen werden fremde Sinn- bzw. Bedeutungszusammenhänge gebildet, meist aus einem der 214 Radikale und einem phonetischen Element; umgekehrt wurde ein chinesisches Zeichen übernommen und einem vietnamesischen Vokabular zugeordnet, dessen Prononziation (nicht aber Bedeutung) mit der der chinesischen übereinstimmte.
So können wir im 15. Jahrhundert folgende Klassifizierungen feststellen. In dieser Zeit setzte sich die vietnamesische Nationalliteratur zusammen aus politisch-polemischen sowie schöngeistigen in Han- und Nom-Schrift verfaßten Werken, die entsprechend ihrer literarischen Sprache (zum Beispiel in gebundenen Versen, in Prosa oder rhytmischer Prosa) unterteilt werden können. Werke dieser Art besitzen sowohl lyrischen als auch epischen Charakter. Intellektuelle und Schriftsteller, die ihre Werke in Nom verfaßten brachten damit ihre Volksnähe sowie ihren Patriotismus zum Ausdruck.

Folgende Klassifikation läßt sich daher ab dem 15. Jahrhundert vornehmen:

literatur2

Eine andere Einteilung, die wie die obige, auch bis noch heute gültig ist:

literatur3

Die erste Einteilung weist darauf hin, in welcher Sprache die Literaturverarbeitung verwendet und sodann der politisch-polemischen sowie der schöngeistigen Literatur zugerordnet wurde. Hier kommt die besondere Eigenheit, nämlich die Zweisprachigkeit der vietnamesischen Literatur zum Ausdruck.

Die zweite Klassifizierung sortiert die Werke ausschließlich nach der literarischen Sprache, (also nach der gebundenen oder ungebundenen Prosa sowie nach Versen und Metren) und nicht nach der sprachlichen (ob vietnamesischen ob chinesischen) Herkunft. Die Dramatik wird in der Form (wie sie oben vorgenommen wird) hierher nicht eingereiht, da sie von den vietnamesischen Literaturwissenschaftlern selbst nicht in das Gattungssystem miteinbezogen wird. Die von ihr abgeleiteten Genres, Cheo (eine Art Volkstheater) und Tuong besitzen epischen Charakter und sind von Volksgesängen sowie volkstümlichen Tänzen geprägt.



Die besondere Spezifik der vietnamesischen Genres in chu Han (H) und chu Nom (N)
vom 10. bis zum 19. Jahrhundert

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In einzelnen literarischen Gruppierungen eingeteilt ergibt sich jene Reihenfolge:

  • Lyrische Genres
  • Epische Genres
  • Genres der Chinh luan-Literatur
  • Dramatische Genres

Lyrische Genres

 

Bezeichnung

dt. Bedeutung

lit. Form

literarische Sprache

 

Tho tru tinh (H, N)

lyrisches Gedicht

Duong luat

gebundene Sprache, Gedichtform der Tang-Dynastie

 

Phu (H,N)

rhythmische Dichtung

 

Parallelliteratur, teilweise auch metrisch gebundene Sprache

 

Ngam khuc (N)

Deklamationslyrik

Song that luc bat

metrisch gebundener Sprache mit paralleler und struktureller Regelmäßigkeit

 

Ca tru (N)

Bambuslied

The ca hat

Liedgenre, gebunden, Zeile zwischen 5-8 Silben

 

Vinh (N)

in Versen besingen

Song that luc bat

metrisch gebundene Sprache mit paralleler und struktureller Regelmäßigkeit

 

Van (N)

Lied zur Beerdigung

Luc bat

metrisch gebundene Sprache

(Bui Duy Tan, 1986 a; z. n. U. Lies, Literaturakademie der 28 Sterne, S. 32)


Tho tru tinh - lyrisches Gedicht in Han- und Nom-Schrift

Das Tho tru tinh, das in chinesisch schon im 10. Jahrhundert existiert, in vietnamesisch aber erstmalig im 13. Jahrhundert verfaßt wird, gehört zu den beliebtesten lyrischen Genres und entstammt dem chinesischen Shi - „einer Form einer altchinesischen lyrischen Dichtkunst, die während der Tang-Zeit literarisches Ausdrucksmittel war, höchste Vollendung erreichte und durch rigorose Regeln gekennzeichnet ist“ (BI-Lexikon, S. 259).

Phu - rhytmische Dichtung in Han- und Nom-Schrift

Das Phu in Han-Schrift entstand im 13. Jahrhundert und erreichte seinen Höhepunkt im 15. Jahrhundert spielte aber auch im 19. Jahrhundert eine wesentliche Rolle in der vietnamesischen Poesie.

Das Phu in Nom-Schrift wurde ebenfalls im 13. Jahrhundert entwickelt, geriet im weiteren Verlauf in Vergessenheit, wurde jedoch im 18. und 19. Jahrhundert wieder ins Leben gerufen.

Das Phu, welches der altchinesischen Dichtkunst entlehnt und welches bereits während der Han-Dynastie (206-23 v. Ch.) von den Gelehrten Chinas gerne verwendet wurde, besitzt im Vietnamesischen einen „deskriptiven Charakter“, angereichert mit sprachlichen Hyperbeln und mosaikartigen Zitaten, also eher subjektiven Vorstellungen von seltenen Ausdrücken entnommen“ (BI-Lexikon, S. 145). So wird auch das Phu in Vietnam für die Parallelliteratur als auch für die Versliteratur von den Gelehrten gerne verwendet (Tu dien, tap II, S. 226-227).

Ngam khuc - Demaklationslyrik in Nom-Schrift

Das Ngam khuc findet man im 18. Jahrhundert vor ist eher dem Charakter eines Klageliedes gleichzusetzen. Hier werden persönliche Trauer und Unglück, von gesellschaftlichen Zwängen verursacht, zum Ausruf gebracht und wird in Form des song that luc bat verfaßt, also ein Versmaß, das der folkloristischen Dichtung entstammt.

Ca tru - Bambuslied in Nom-Schrift

Das Ca tru ist ein lyrisches Genres, das im 16. Jahrhundert entstand unmittelbar danach aber wieder verschwand und interessanterweise erst im 19. Jahrhundert wieder aufblühte. Es wird gerne in der Musikbegleitung der Bambusflöte an bestimmten Festtagen gesungen.

Vinh - in Versen besingen; in Nom-Schrift

Das Vinh ist ein Genre, das zwischen dem 16. und 19. Jahrhundert durchgehend verwendet wurde und als metrischer Rhythmus wird es wie beim Ngam khuc das song that luc bat verwendet.

Van - Lied zur Beerdigung; in Nom-Schrift

Als gesungenes lyrisches Genre tritt es vor allem im Tuong-Theater auf und hat als metrische Form das Luc bat. Zwischen 16. und 18. Jahrhundert wurde es häufig in Verwendung genommen. Es löst allgemeine Trauerstimmung aus.

Lyrische Genres

 

Bezeichnung

dt. Bedeutung

lit. Form/lit. Sprache

 

Bia (H)

Grabinschrift

Prosa, Parallelliteratur, Versliteratur

 

Ky (H)

Erblicktes, Gesehenes
(Tatsachenbericht)

Prosa

 

Luc (H)

Protokollieren, Kopieren

Prosa

 

Truyen ky (H)

Erzählung, Novelle

Prosa

 

Truyen (tho) Nom (N)

Verserzählung, (Vers)Roman

Prosa

 

Tuy but (H)

Skizze

Prosa

 

Tap van (H)

Artikel, Aufsatz

Prosa

(Buy Duy Tan, 1986 a; z. n. U. Lies, Literaturakademie der 28 Sterne, S. 35)

Folgende Erläuterungen sollen die epischen Genres begrifflich erhellen.

Bia - Grabinschrift; in Han-Schrift

Das Bia, zumeist in Stein oder Kupfer gemeißelt, läßt sich vom 10. bis zum 19. Jahrhundert durchgehend vorfinden und entstammt der chinesischen Literatur. Es wurde unter der Han-Dynastie von den vietnamesischen Intellektuellen in die vietnamesische Gelehrtenliteratur integriert und in Form von Parallelliteratur und sogar öfter zusammen mit Versliteratur in Han-Schrift verfaßt. Die Inschrift befaßt sich u. a. mit positiven Eigenschaften (wie zum Beispiel im christlichen Sinne die Kardinaltugenden) wie Stärke, Tapferkeit, Klugheit, Weisheit etc. der Verstorbenen, um ihnen die letzte Ehre zu erweisen.

Ky - Erblicktes; in Han-Schift

Als episches Genre dient das Ky als Tatsachenbericht bzw. als Schilderung von Ereignissen und wird je nach Situation und Gefühlsstimmungen vom Künstler literarisch verwendet (Tu dien, tap I, S. 365-366).

Luc - protokollieren; in Han-Schrift

Luc ist ein Genre, das dann gerne in Verwendung genommen wird, wenn es über historisch-realen aber auch über erfundenen Persönlichkeiten bzw. Ereignissen (basierend auf einem kulturellen Hintergrund) berichtet, um den Staat als solchen in seiner Funktion und Stabilität zu stärken. Es tritt zwischen dem 18. und 19. Jahrhundert auf und besitzt den Charakter einer Anekdote. Vor allem wurde es verwendet, um Gefühle wie Nationalstolz bzw. Patriotismus der Vietnamesen zu festigen. Aber es erfüllt auch eine politisch-kritische Funktion, die zum Beispiel das Elend des Volkes dem dekadenten und ausgeschweiften Leben der feudalen Oberschicht gegenüberstellt (Tu dien tap II, S. 331 - 332).

Truyen ky - Erzählung, Novelle in Han-Schrift

Dieses Genre wird in Form von Prosa verwendet und wurde im 13. Jahrhundert entwickelt, welches - bis auf das 17.Jahrhundert - sich bis zum 19. Jahrhundert behaupten konnte.
Hier werden sowohl reale als auch irreale Motive hergenommen, um eine Liebesgeschichte zu erzählen. Dämonen sowie Menschen treten gleichrangig auf, wobei der Mensch eher Züge vom „Dämonischen“ annimmt (Tu dien, tap II, s.447).
Es orientiert sich vor allem der Form nach der chinesischen Tang-Novelle, inhaltlich wird es jedoch den vietnamesischen Bedingungen adaptiert.

Truyen (tho) Nom - Verserzählung, Versroman; in Nom-Schrift

Als das in der vietnamesischen Literatur bedeutendstes geltende epische Genre entstand im 16. Jahrhundert, wo es in Form von Truyen tho duong luat (Verserzählung in Tan-Gedichtform) auftrat. Seinen Höhepunkt erreichte es im 18./19. Jahrhundert, wo er sich in zwei verschiedenen Typen zeigen ließ: Truyen (tho) Nom binh dan (Volksroman) und Truyen (tho) Nom bac hoc (Gelehrtenroman) (Tu dien, tap II, S. 458-459).

Tuy but - Skizze; in Han-Schrift

Dieses epische Genre entstand im 18. und 19. Jahrhundert und ist charakteristisch für relativ freie Schreibweisen in Form ungezwungenen lyrischen Gedankenentfaltungen. Hier tritt die Ich-Form des Erzählers erstmalig auf. Es behandelt Themen von Personen, Konfliktereignisse sowie Naturgegebenheiten. (Tu dien, tap II, S. 479).

Tap van - Aufsatz; in Han-Schrift

Das Tap van durchwandert vom 12. bis zum 19. Jahrhundert die vietnamesische Literatur. Dem chinesischen Zawen entnommen wurde dieses Genre von den Vietnamesen in höchster künstlerischer Form weiter entwickelt. Aber schon im Chinesischen erhielt es einen hohen künstlerischen Schaffenswert, vor allem über die stilistische Eleganz des Schriftstellers durch die eigene Anteilnahme künstlerischer Unmittelbarbeit (Tu dien, tap II, S. 333-334).

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Genres der Chinh luan-Literatur

 

Bezeichnung

dt. Bedeutung

lit. Form

literarische Sprache

 

Chieu (H)

königlicher Erlaß

 

Prosa (z. T. auch Vers-oder Parallelliteratur)

 

Hich (H)

Aufruf

 

Parallelliteratur, Versliteratur oder Prosa

 

Cau (H)

Erklärung, Mitteilung

 

Parallelliteratur auch Prosa

 

Tho (H, N)

Brief

 

Prosa

 

Van chep su (H)

literarische Geschichtsschreibung

 

Prosa

 

Tho suy ly (H)

Folgerung, Schlußfolg.

Duong luat o. Co phong

 

 

Tho sam vi (H)

Weissagung

Duong luat o. Co the

 

(Bui Duy Tan, 1986 a; z. n. U. Lies, Literaturakademie der 28 Sterne, S. 39)


Chieu - königlicher Erlaß; in Han-Schrift

Das Chieu wird in der Regel mündlich vorgetragen und zumeist vom König selbst entworfen. Der Form nach lehnt es sich an das chinesische Vorbild und kommt inhaltlich dem Befehl bzw. Order des Königs gleich (Tu dien, tap I, S. 129).

Hich - Aufruf; in Nom- und Han-Schrift

Hich ist jenes Genre, welches die vietnamesischen Könige und Oberbefehlshaber des Heeres erst dann verfaßt hatten, wenn ein unmittelbarer Krieg bevorstand. Damit konnten sie sich an das Volk wenden, um dieses zum Kampfe aufzurufen. Hich wurde aber auch dafür verwendet, um den Patriotismus bei den Vietnamesen zu wecken, sowie Hass zu erzeugen, um mit solchen negativen Stimmungen den Feind aus dem Lande zu vertreiben. Charakteristisch für seine Form ist der ständige Wechsel von langen und kurzen Versen (aber auch von den in Prosa sowie in Parallelliteratur verfaßten Zeilen) von parallelen Thesen und Antithesen sowie der Einsatz von neuen und bereits bekannten Bildern sollen den Zuhörer auf eine andere Ebene des Verständnisses bringen (Tu dien, tap I, S. 296-298).

Cao - Erklärung, Mitteilung; in Han-Schrift

Das Cao in der Parallelliteratur vorkommend, erfüllt genau in seiner mündlichen Vortragsweise die umgekehrte Funktion des Hich. Zuerst wird vom Einfall des Feindes sowie von seinen Erfolgen und erst dann am Ende über seine vernichtende Niederlage berichtet. Auch dieses Genres wird gerne dafür verwendet, um die patriotischen Gefühle des Volkes zu wecken. Es hat sich im Laufe seiner Entwicklung zu einer festen Form nämlich im 4-6er Rhythmus von parallelen Versen d. h. im Wechseltakt von 4 bis 6 Silben etabliert (Tu dien, tap I, S. 109).

Tho - Brief; in Nom- und Han-Schrift

Tho wird in Prosa geschrieben und besitzt inhaltlich sowie formal Ähnlichkeiten mit dem europäischen Brief. In Tho werden aber auch Themen philosophischen Inhalts diskutiert.

Van chep su - literarische Geschichtsschreibung; in Han- und Nom-Schrift

Dieses Genres gilt als wichtigste Quelle der vietnamesischen Nationalliteratur überhaupt. Es enthält wichtige Daten, Biographien von Persönlichkeiten, Fakten von Ereignissen aber auch fiktive Erzählungen und Legenden. Vor allem dient es als Hinweis und Quelle für den späteren Kapitelroman.

Tho suy ly - Folgerung; Schlußfolgerung; in Nom und Han-Schrift

Das Tho suy ly wurde erst im 16. Jahrhundert in die Nom-Literatur integriert und hat in erster Linie eine aufklärende Funktion, die sich in der Erhellung und Beantwortung von philosophisch weltanschaulichen Fragen erfüllt, um dem Leser eine geistige Stütze auf seinem Lebensweg mitzugeben. Dieses Genre läßt sich in metrisch gebundener Form auffinden; vor allem als Tho duong luat oder Tho co phong tritt es gerne auf.

Tho sam vi auch Tho sam ky - Weissagung; in Han-schrift

Ähnlich dem Orakel von Delphi der griechischen Antike hat es die Prophetie bzw. Weissagung zum Inhalt. Es zeigt sich der Form nach gerne in der gebundenen Sprache. Interessanterweise tritt es „zwischen dem 10. und 13 Jahrhundert auf und erst viel später wieder im 18. Jahrhundert, jedoch nur in vereinzelter Form“ (U. Lies; Literaturakademie der 28 Sterne, S.43). Es widmet sozial-ethischen fragen und und geht in seiner Vorgangsweise sehr polemisch vor.

Dramatisches Genre

 

Bezeichnung

dt. Bedeutung

lit. Form/lit. Sprache

 

Tuong pho oder Tuong thay

Gesangstheater

Sprechgesang, Dialog, Lied, gebundene Sprache

(Bui Duy Tan, 1986 a; z. n. U. Lies, Literaturakademie der 28 Sterne, S. 43)

Tuong pho - Gesangstheater; in Nom-Schrift

Als klassisches Theater setzt sich dieses Genre zusammen aus Gesang, Pantomime, Akrobatik sowie aus rhythmischen Rezitationen und ist in seiner episch expressiven Form von starker Emotionalität geprägt.

In der alten vietnamesischen Literatur läßt es sich insbesondere beobachten, daß die meisten Werke in der metrisch gebundenen Sprache (d. h. in Versliteratur und Parallelliteratur) verfaßt wurden; vor allem zeichnet sie sich vorwiegend durch die politisch-polemisch dominierten Themen gegenüber den in Prosa geschriebenen Werke aus, troz ihrer groben Einteilung in Lyrik, Epik, Chinh luan-Literatur sowie Dramatik. Die Analyse der verschiedenen Genre- und Gattungssysteme erweist sich als notwendig, zumal sie für den vietnamesischen Roman eine gewichtige Rolle in der Nationalliteratur spielt.

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Die Genese des vietnamesischen Romans
 

Literatur:
 

1.

Ursula Lies

LITERATURAKADEMIE DER 28 STERNE
Der vietnamesische Roman
1000 Jahre Literaturtradition in Geschichte und Theorie; Unkel/Rhein; - 1991

 

2.

Nguyen Khac Vien

VIETNAM
A LONG HISTORY
THE GIOI PUBLISHERS; Hanoi - 1993

 

3.

Nguyen Khac Vien
Nguyen Van Hoan
Huu Ngoc
Vu Dinh Lien
Tao Trang

ANTHOLOGIE DE LA LITTERATURE VIETNAMIENNE
DES ORIGINES AU XVIIe SIECLE; Hanoi-1972

 

4.

Nguyen Khac Vien
Huu Ngoc
Te Thanh
Che Lan Vien
Francoise Correze
Xuan Dieu

ANTHOLOGIE DE LA POESIE VIETNAMIENNE
Le chant vietnamien. Dix siecles de poesie
COLLECTION UNESCO D`OEUVRES REPRESENTATIVES; Unesco 1981

 

5.

Nguyen duc Nhuan 
Vo Nhan Tri
Marcel Autret
Le Thanh Khoi
Phan Thi Dac
Trinh Van Thao
Nguyen Khac Vien

LE VIET NAM POST-REVOLUTIONNAIRE
Population. Economie. Societe 1975-1985; Paris

 

6.

Duong Dinh Khue

LA LITTERATURE POPULAIRE VIETNAMIENNE
(vietnamesisch-französisch); 1968

 

7.

Bernhard Dahm
Roderich Ptak

SÜDOSTASIEN-HANDBUCH
Geschichte, Gesellschaft, Politik, Wirtschaft, Kultur; München - 1999

 

8.

 

TU DIEN VAN HOC. - TAP I, Hanoi 1983; TAP II, Hanoi - 1984

 

9.

Bui Duy Tan

TRUYEN NOM BAC HOC; Berlin 1986

 

10.

Nguyen Tai Thu

HISTORY OF BUDDHISM IN VIETNAM; Hanoi - 1992

 

11.

Nguyen Ngoc

Die Feuer der Ba-na
(vietn. Originaltitel: „Dat nuoc dung len“ - Das Land erhebt sich)
Roman, übertragen von Christiane Barckhausen; Berlin - 1982

 

12.

Duong Thu Huong

LIEBESGESCHICHTE,
VOR DER MORGENDÄMMERUNG ERZÄHLT
(vietn. Originaltitel: „Chuyen tinh ke truoc luc rang dong“)
übertragen von Ursula Lies; Unkel/Rhein; Bad Honnef - 1992

 

13.

Nguyen Ngoc 
Huong Duong
Nong Minh Chau
Hong Tuan etc.

PRINTEMPS SUR LA MONTAGNE; Hanoi - 1963

 

14.

Nguyen Du

DAS MÄDCHEN KIEU
übertragen von Irene und Franz Faber; Berlin 1964

 

15.

Nguyen Du

THE TALE OF KIEU
A BILINGUAL OF TRUYEN KIEU
Translated annotated by Huynh Sanh Thong, with a
historical Essay by Alexander B. Woodside; Yale University Press - 1983

 

16.

Nguyen Du

TRUYEN KIEU; Hanoi - 1972

 

17.

Tien Huu

AUGEN LACHEN, LIPPEN BLÜHEN
Erotische Lyrik aus Vietnam
(vietnamesisch-deutsch)
Illustrationen von Nguyen Thi Hop, Nguyen Dong und Tien Huu 
München - 1985

 

18.

Thanh T. Nguyen 
Bruce Weigl

POEMS FROM CAPTURED DOCUMENTS
A BILINGUAL EDITION
The University of Massachusetts Press - 1994

 

19.

Kevin Bowen 
Nguyen Ba Chung 
Bruce Weigl

MOUTAIN RIVER
Vietnamese Poetry from the Wars, 1948-1993
A Bilingual Collection
University of Massachusetts Press - 1998

 

20.

J. Berndt

BI LEXIKON OSTASIATISCHE LITERATUREN
von einem Kollektiv von verschiedenen Autoren; Leipzig 1985

 

21.

Hoang N. Phach

TO TAM - 1985

 

22.

Nguyen Duc Su

Phong tuc va nep song cua xa hoi thon Viet nam duoi su tac dong cua 
nho giao. In: Nong thon Viet nam trong lich su, tap II. Hanoi 1978

 

23.

Truong H. Quang

GOETHES „FAUST“ UND NGUYEN-DUS
„DAS MÄDCHEN KIEU“ - EIN VERGLEICH
Dissertation zur Promotio, Karl-Marx-Universität; Leipzig - 1985