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„Boatpeople“

Der Exodus aus Vietnam beginnt im April 1975 nach dem Sieg des kommunistischen Nordens über den Süden. Hunderttausende fliehen aus Vietnam, da sie die unhumanen Umerziehungs- und Arbeitslager des neuen Regimes fürchten. Ende ´78 wird die Flucht zur Massenbewegung zu der alle soziale Schichten, vom Säugling bis zum Greis und Anhänger verschiedener Ideologien und Religionen gehören. Die meisten glaubten, auf dem Seeweg nach Hong Kong, Macau oder Singapur sicherer zu sein, als auf dem Landweg nach Laos oder Thailand. Um einen Platz auf den teilweise seeuntüchtigen Booten zu bekommen, bezahlten viele mit ihrem gesamten Vermögen. Doch viele kommen nie an, sondern sterben, weil ihnen die Vorräte ausgehen, die oft überladenen Boote kentern, sie in einen Sturm geraten oder weil sie Opfer von Piraten werden. 200.000 Menschen sollen auf der Flucht ertrunken sein. Wer überlebt und mittellos an die Küsten Südostasiens gespült wird, hat mit weiteren Schwierigkeiten zu kämpfen: Die Boatpeople enden auf unbewohnten Inseln oder in geschlossenen Lagern, wo sie sich um die Einreise in die USA, Kanada oder Australien bewerben können. Oftmals jedoch werden sie ohne viel Aufhebens mit neuen Vorräten und Wasser wieder auf See geschickt. Doch vorerst fühlt sich niemand zuständig für diese humanitäre Tragödie...........

Erst Ende der Achtziger ebbt der Flüchtlingsstrom ab, da sich die wirtschaftliche Lage in Vietnam bessert, aber auch, weil immer weniger Boatpeople in Drittländern Aufnahme finden. 1989 leben in Hong Kong noch immer 50.000 Boatpeople. In Vorbereitung auf die Übergabe an die Volksrepublik China werden Tausende zwangs-abgeschoben. Trotzdem dauert es noch elf Jahre, bis der letzte Bootsflüchtling die Hong Konger Lager verlässt.

Man schätzt, dass insgesamt 500.000 Vietnamesen auf dem Seeweg geflohen sind, diejenigen die überlebt haben, leben heute in über 16 Ländern über den gesamten Erdglobus verstreut.

Der Begriff „Boatpeople“ wurde in jüngster Zeit auch auf andere Flüchtlinge übertragen, die aus Nordafrika, mit Booten das europäische Festland zu erreichen.

Rupert Neudeck und seine Helfer

Im Frühjahr ´79 beschließt der deutsche Journalist Rupert Neudeck, den Flüchtlingen zu helfen. Gemeinsam mit seiner Frau Christel, den Politikern Norbert Blüm, Dieter Hildebrandt, den Schriftstellern Hilde Domin, Martin Walser und Heinrich Böll und dem Welt-Kolumnist Matthias Walden gründete er in Troisdorf bei Köln das private Hilfskomitee Ein Schiff für Vietnam. Durch den ungeheuren Rückhalt in der deutschen Bevölkerung, die mit ihren Spenden diesen Sieg der Menschlichkeit ermöglicht haben (in nur wenigen Wochen wurden beinahe eine Million Mark gespendet!), konnten sie den Frachter "Cap Anamur" chartern und ihn zu einem Hospital-Schiff umbauen. Mit einem Team aus freiwilligen Technikern, Logistikern, Ärzten und Pflegern erreichte das Schiff am 13. August 1979 das Chinesische Meer. Neudeck wollte die Menschen aber nicht nur retten und einem ungewissen Schicksal überlassen, er wollte auch für deren Aufnahme in Deutschland sorgen. Dies brachte ihm den Vorwurf ein, dadurch noch mehr Vietnamesen zur Flucht zu ermutigen und die humanitäre Katastrophe zu verschlimmern. Auf Druck der Öffentlichkeit entschloss sich die deutsche Regierung zu einem Kompromiss: denjenigen Flüchtlingen, die direkt von der Cap Anamur aufgenommen wurden, sollte Asyl gewährt werden, aber nicht denjenigen, die von Schiffen anderer Nationalität bereits gerettet und übergeben wurden („Gesetz über Maßnahmen für im Rahmen humanitärer Hilfsaktionen aufgenommene Flüchtlinge“). Im Juli 1982 beschloss die deutsche Regierung einen Aufnahmestopp, sodass die Helfer vorübergehend ihre Arbeit einstellen mussten. Doch der starke Rückhalt in der deutschen Bevölkerung, die weiter mit ihren Spenden diese Aktion unterstützte, führte 1982 zur Gründung der Hilfsorganisation Komitee Cap Anamur/Deutsche Notärzte e.V. Nach öffentlichen Protesten, an der auch prominente Unterstützer wie Heinrich Böll, Alfred Biolek und Freimut Duve teilnahmen, konnte die Rettungsaktion noch bis 1986 fortgeführt werden. Zwischen 1979 bis 1986 wird die Cap Anamur zur Rettung von 10.375 Menschen. Die meisten der Flüchtlinge leben noch heute in Deutschland, viele durften im Laufe der Jahre ihre Familienangehörigen nachholen.

Neudecks Vermächtnis

Inzwischen ist die erste Schiff, die Cap Anamur nicht mehr in Diensten der Hilfsorganisation, die sich jetzt "Komitee Cap Anamur, Deutsche Not-Ärzte" nennt und Projekte in vielen Krisenregionen der Welt betreut. Der Gründer Rupert Neudeck hat sich nach 23 Jahren aus der Organisation zurückgezogen. Neuer Leiter ist seitdem der Journalist Elias Bierdel. Auch wenn die Organisation in den letzten Jahren negativ in den Medien auffiel (afrikanische Flüchtlinge im Mittelmeer, Juli 2004), darf man nicht vergessen, was die Helfer leisten. Aus einer kleinen Rettungsaktion im Chinesischen Meer ist eine Hilfsorganisation geworden, die sich in allen Krisengebieten dieser Erde unermüdlich auch für „Hilfe zur Selbsthilfe“ engagiert.

Durch die Cap Anamur wurden nicht 10.375 Vietnamesen gerettet, nein, es wurden 10.375 vietnamesische Töchter und Söhne, Mütter und Väter, Schwestern und Brüder gerettet. Eine Zahl hinter der ebenso viele Schicksale und Lebensgeschichten steckt.

Der Dank soll nicht nur Rupert Neudeck, der u.a. 2005 von der Universität Münster mit der Ehrendoktorwürde der Katholisch-Theologischen Fakultät ausgezeichnet wurde und seinen „prominenten“ Helfern gelten, vielmehr verdienen auch all die Ärzte, Techniker, Logistiker, Pfleger und Spender, die nie namentlich genannt werden und es auch nicht erwarten, unsere Anerkennung. Auch soll der Menschen und ihrer Familien gedacht werden, die auf der Suche nach Freiheit und Selbstbestimmung ihre letzte Ruhe auf dem Meeresboden des Chinesischen Meeres fanden.

Informative Links:

www.cap-anamur.org Website der Cap Anamur/ Deutsche Not-Ärzte

http://archives.cbc.ca/IDD-1-69-524/life_society/boat_people/ CBC Archiv. (engl) Von Hintergrundinformationen zum Exodus bis Integrationsproblemen in Canada

http://www.cnn.com/SPECIALS/2000/vietnam/story/boat.people/ CNN Archiv. (engl) „Vietnam's boat people: 25 years of fears, hopes and dreams”

von Cam-Tien Le, Cammy.L@hotmail.com


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