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Hanoi

“Egal zu welchem Horizont ich reise
denke ich immer an Hanoi,
die Stadt zu einer Zeit der Bomben,
die Stadt zu einer Zeit des Friedens„

(Nhớ về Hanoi – Gedanken an Hanoi)

Ich bin mir sicher, dass jeder Vietnamese das Lied kennt, da Hanoi nicht nur die Hauptstadt Vietnams, sondern die Seele des Landes ist. Früher hieß Hanoi „Thang Long“ – was soviel wie „aufsteigender Drache“ bedeutet. Einer Legende nach hatte der König der Dai Viet damals bei seiner Suche nach einer fruchtbaren Ebene für seinen Sitz die Erscheinung eines Drachens. Seitdem wird die Gegend um Hanoi als die Wiege der vietnamesischen Kultur bezeichnet. Und die Geschichte der Kultur und Literatur vom damaligen Thang Long bis zum heutigen Hanoi zählt bis heute fast 1000 Jahre. Wer denkt, dass Hanoi, genau wie andere Hauptstädte, hektisch sei, kann sich bei einem Besuch dieser wunderschönen historischen Stadt mit ihren altertümlichen Straßenzügen, Pagoden und Tempeln vom Gegenteil überzeugen. Es ist eine gemütliche Stadt, in der man Ruhe genießen und sich entspannen kann. Ihre schönste Seite zeigt sie im Spätherbst, wenn die Sonnenstrahlen angenehm auf der Haut zu fühlen sind begleitet von einer kühlen Brise. In vielen Gedichten ist deshalb ein „charmantes Mädchen“ ein Synonym für Hanoi. Viele Poeten sind seiner Liebe bereits verfallen. Es fällt ihnen nicht schwer sich stundenlang an seiner Schönheit zu erfreuen. Da wäre der Hoan Kiem See im Zentrum der Stadt, der auf den ersten Blick sehr klein erscheint, aber trotzdem die Seele Hanois darstellt. Der Dichter Xuan Dieu beschrieb die vielen Trauerweiden rund um den See in seinem berühmten Gedicht „Endlich kommt der Herbst“ als elegantes langes Haar.

HanoiRuhig aber lebhaft, besonders am frühen Morgen und am Abend, zeigt sich das Leben am See. Schon um fünf Uhr im Sommer sieht man Spaziergänger und Jogger und auch alte Frauen in Gruppen, die den Tag mit ihren Tai-Chi-Übungen beginnen. Etwas später, um sechs oder sieben Uhr sitzen die alten Männer auf den Bänken am See, um den Sonnenaufgang zu genießen und die Tageszeitung zu lesen. Schülerinnen ,mit ofenfrischen Brötchen in der Hand, essen schnell ihr kleines Frühstück damit sie nicht zu spät zur Schule kommen .Wie auch irgendwo in Hanoi, frühstückt man meistens nicht zu Hause sondern in den Garküchen am Rand der Strassen oder unterwegs. Abends ist der See der ideale Treffpunkt für viele Liebespaare oder auch ein Ort für Familienspaziergänge.
In der Mitte des Sees ist eine kleine Insel mit dem Schildkrötenturm zu sehen. Dessen Name Hoan Kiem führt bis zum 15. Jahrhundert zurück, und hat mit dem Nationalhelden Le Loi und die Rückgabe eines Schwertes zu tun. Es wird erzählt, Le Loi habe beim Fischen in dem See seiner Heimatstadt ein glänzendes Schwert gefunden, mit dessen Hilfe er nach einem 10-jährigen Kampf den Feind besiegen und das Land befreien konnte. Als Le Loi dem Geist des Sees seinen Dank zeigen wollte, gab es einen lauten Donner worauf das Schwert in hohem Bogen aus der Scheide fiel und direkt in dem Maul einer goldenen Schildkröte im Hoan Kiem See landete. Wer Glück hat, kann sogar die Schildkröte, die noch heute im See lebt, sehen.
Ein weiterer Blick führt zu einer roten Brücke, der The-Huc-Brücke. Diese romantisch aussehende Brücke wird auch als „der Ort, wo die Morgensonne ausruht“ bezeichnet. Sie führt zum Jadeberg-Tempel, der sich inmitten eines kleinen Wäldchens uralter Bäume befindet.

Unweit des Sees in nördlicher Richtung befindet sich ein Stadtviertel mit 36 Gassen - Hanois Altstadt. Jede einzelne Gasse konnte einem bestimmten Handwerk oder einer Warengruppe, die da verkauft wurde, zugeordnet werden. Heute sind die Geschäftsstrassen meist noch spezialisiert. Es erinnern aber größtenteils nur noch die Straßennamen an die damaligen verkauften Waren. Nur einige wenige noch ausgeübte Handwerke und betriebene Geschäfte stehen im Einklang mit den Straßennamen. Eine besonders bunte Strasse ist die Hang Quat mit leuchtenden Wimpeln und Fahnen sowie feierlichen Gewändern für Feiertage und Beerdigungen. Interessant sind auch die vielfältigen Papiergegenstände, die in der Hang Ma zu finden sind: bunter Flitterkram, Laternen (was meist für Kinder zum Mitteherbstfest genutzt wird), Drachen zur Dekoration oder auch Papiermodelle von Autos, Kleidungen, Häusern und falsches Geld, die auf dem Altar als Opfergabe für die Vorfahren gelegt werden.

Das Leben in diesen engen Gassen ist ziemlich hektisch. Laden an Laden mit vielen verschiedenen Waren stellen ein buntes Bild dar. Die Balkons ab der ersten Etage der Geschäftshäuser sind mit Kletterpflanzen bewachsen und auf denen z. T. Vögelkäfige hängen. Diese Art von Schutz gegen Straßenlärm und –staub erlaubt ein ruhiges Familienleben. Am Rand der Strassen sind viele Garküchen zu finden, welche zu Mahlzeiten immer gut besucht werden. Im Angebot stehen viele verschiedene lecker duftende Suppen. Das wachsende Hanoi zeichnet sich durch Internetcafés, Musikshops, Reisebüros usw. aus, die immer enger aneinander liegen, was zeigt, dass dieses Land sich in der Entwicklungsphase befindet. Einzelne oder in Gruppen organisierte Touristen mit neugierigen Blicken gehen interessiert durch die Strassen, und vielleicht treffen sie sich dann in einem gemütlichen Café am Ende einer Gasse.

HanoiDie 36 Gassen sind aber nicht typisch für Hanois Strassen. Außerhalb dieses Viertels ist Raum für breite Boulevards, einige gehören zu „French Quarter“, mit großen alten Bäumen an beiden Seiten, die in der heißen Mittagssonne im Sommer reichlich Schatten spenden und das Fahrrad- oder Cyclofahren entlang der Straßen angenehm machen. Auf diesen großen Strassen befinden sich meistens nur Ämter, Banken, Hotels oder Villen mit geschlossen Türen aber offenen Fenstern, aus denen manchmal an langen Nachmittagen Musik eines Pianos ertönnt.
Dann gibt es auch noch „duftende Strassen“, wie die Nguyen Du Strasse, in der man sich stundenlang aufhalten könnte, um die Düfte der Blumen Hoa Sua (Milch-Blumen) tief einzuatmen und die schöne Atmosphäre zu genießen. Das hilft gegen Sorgen und Stress .Hier sieht man weniger Straßenverkäufer/innen, die sonst Früchte, Suppen oder viele verschiedene Arten von Kompott in ihrem „Services bis an die Haustür“ anbieten. In diesen Strassen kann man ein richtig ruhiges Hanoi erleben – nicht nur nachts!

Nachts ist Hanoi wach bis zum 24 Uhr. Viele Strassen im Zentrum, besonders die Strasse Hàng Bông sind im Sommer und Herbst, wo der Himmel klar ist und viele Sterne zu sehen sind, abends immer voll. Leute, deren Arbeitszeit vorbei ist, sind noch mit dem Moped unterwegs. Besonders junge Leute nutzen diese Zeit um ins Kino, Kneipen ,in die Disco oder Eis essen zu gehen. Mädchen gehen gern abends einkaufen, um die intensive Sonne am Tag zu meiden, dabei etwas zu naschen oder einfach nur von Strasse zu Strasse zu fahren um das Nachtleben zu genießen..
Aber nicht nur. Es gibt auch viele fleißige Schuljungen und -mädchen, die sich für ihre Schulabschlussprüfungen vorbereiten, oder nur einfach lernen wollen, besuchen noch zusätzlichen Unterricht bis um 22 Uhr. Zu Hause lernen sie neben ihren Tischlampen weiter.

Das alles, ob das ruhige oder chaotische Leben, vermisst man einfach wenn man in einer völlig anderen Welt wie Deutschland lebt. Und man wünscht sich, bald wieder einmal in und mit der Stadt leben zu können – auch wenn es nur für eine kurze Zeit ist.

Da fallen mir gerade zwei Verse eines Gedichtes von Che Lan Vien ein:

„Als ich noch da wohnte, war es mir nur ein Ort zu wohnen. Wenn ich ihm entfernt bin, der damalige Wohnort ist in meiner Seele“

© Thuy & Ronny


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