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Ho Chi Minh: "... unser Recht auf Freiheit und Unabhängigkeit"

2005 ist in Vietnam ein Jahr der historischen Gedenktage. Nachdem am 30.April und 1. Mai Vietnams Regierung und Bevölkerung den 30. Jahrestag der Befreiung und das Ende des "amerikanischen Krieges" gefeiert hatte, bereitet sich Vietnam derzeit auf zwei weitere historische Gedenktage vor. Am 19. August 1945 begann der Aufstand gegen das Doppeljoch der kolonialen Abhängigkeit von Frankreich und der aus dem Zweiten Weltkrieg resultierenden Besetzung durch Japan. Am 02. September 2005 gedenkt Vietnam dann der Unabhängigkeit. 1945, am 02. September, verlas Präsident Ho Chi Minh im Namen der provisorischen Regierung der demokratischen Republik Vietnams vor Hunderttausenden Landsleuten die Unabhängigkeitserklärung.

"... die Franzosen fliehen, die Japaner ergeben sich, der Kaiser Bao Dai dankt ab. Unser Volk hat seine Fesseln einer fast hundertjährigen französischen Herrschaft gesprengt, um aus unserem Vaterland Vietnam ein unabhängiges Land zu machen. ..... Vietnam hat das Recht, frei und unabhängig zu sein. ..... Das ganze vietnamesische Volk ist entschlossen, alle seine geistigen und materiellen Kräfte zu mobilisieren, sein Leben und seinen Besitz einzusetzen, um sein Recht auf Freiheit und Unabhängigkeit zu bewahren." ([1], Seite 248).

Dass die Bewahrung dieser Unabhängigkeit schwierig werden würde, ahnten die Führer der Befreiungsbewegung Viet Minh allerdings. "Unsere Unabhängigkeit wird zerbrechlich sein. Die Macht zu erobern ist schwierig, aber sie zu erhalten ist noch schwieriger" steht in einer der ersten Verlautbarungen des Zentralkomitees des Viet Minh nach der erfolgreichen. Revolution.

Auch wenn es in der Tat noch lange dauerte bis die Unabhängigkeit tatsächlich hergestellt und gefestigt war, so waren die Augustrevolution und die Unabhängigkeitserklärung dennoch entscheidende Schritte in der Geschichte Vietnams.

Die Phase vor und während der Ereignisse im Jahr 1945 ist eng verbunden und geprägt durch den zweiten Weltkrieg.

Kolonien zahlen für den Krieg in Europa

Der zweite Weltkrieg, der 1939 in Europa durch den Überfall Deutschlands auf Polen seinen Anfang nahm, blieb vom ersten Tag an auch in Indochina und Vietnam nicht ohne Wirkung. Die französische Kolonialverwaltung begann schon unmittelbar nach Kriegsbeginn in Europa, die Ausbeutung der Kolonien zu verstärken und Ressourcen an Menschen und Material nach Frankreich zu transferieren. Ende 1939 wurden mehrere 10.000 vietnamesische Soldaten und Arbeiter nach Frankreich geschickt. Weit über eine Million Soldaten müssen während des zweiten Weltkrieges für Frankreich kämpfen. Die Regierung in Paris übertrug den Kolonien in Indochina zusätzlich die Aufgabe 3,5 Mio. Tonnen Nahrungsmitteln, Reis, Tee, Kaffee, Zucker, Seilen und Kautschuk zu versorgen. Die Arbeitszeit in Plantagen und Fabriken wurde für Männer von 48 auf 60 Stunden erhöht. [1]. "Der Krieg im Jahr 1939 ist ein Krieg zwischen imperialistischen Mächten um die Neuaufteilung der Welt" beschrieb das Zentralkommitee der KP Indochinas die Situation.

Unter doppeltem Joch

Die Niederlage der französischen Armeen im Jahr 1940 schwächte in Indochina die Machtposition der Kolonialmacht. Japan nutzte diese Situation. Japanische Truppen drängten in die nördlichsten Regionen Vietnams vor. Die französische Kolonialverwaltung schlug sich auf die Seite der japanischen Faschisten. Beide hatten große Interessen an einer Ausbeutung der Ressourcen Vietnams und bekämpfte mit ihnen zusammen die Bewegungen für die Unabhängigkeit Vietnams. Teile der Kolonialisten profitierten zudem kräftig, indem sie beste Geschäfte mit den japanischen Besatzern entwickelten.

Zwischen 1941 und 1945 verschärfte sich die Last des Doppeljochs japanischer Besatzung und französischer Kolonialmacht. Die Unterdrückung und Belastung der vietnamesischen Bevölkerung nahmen zu. Als eine der schwersten Bürden erwiesen sich die Nahrungsmittelabgaben, welche die Bauern zu leisten hatte. In den Jahren 1943 und 1944 mussten 130.000 bzw. 180.000 Tonnen Reis abliefern. Da in diesen Jahren durch Unwetter die Ernten schlecht ausfielen kam es zu großen Hungersnöten. Zusätzlich wurden die Bauern gezwungen den Reis in Säcken zu liefern. Um Jute hierfür bereitstellen zu können, mussten Flächen, die eigentlich für den Reisanbau bestimmt waren, der Herstellung von Nahrungsmittel entzogen werden. Eine galoppierende Inflation sorgte zusätzlich für Not und Elend. Jede Kritik und jeder Widerstand gegen diese Auspressung wurde von Franzosen und Japanern gleichermaßen unterdrückt. [1]

Die Unterdrückung richtete sich vor allem gegen die 1941 gegründete Liga für die Unabhängigkeit Vietnams (Viet Nam Doc Lap Dong Minh Hoi) – auch als Viet Minh bekannt. Wesentlichen Anteil an dieser Gründung hatte Ho Chi Minh, der 1941 nach vielen Jahren im Ausland (u. a. Frankreich, Sowjetunion, China) nach Vietnam zurückgekehrt war.

Kapitulation des Faschismus bringt die Wende

Mit der Niederlage der deutschen Faschisten im März 1945 änderte sich die Lage für die vietnamesische Befreiungsbewegung. Nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki und der daraus resultierenden Kapitulation Japans entstand eine völlig neue Situation. Die Viet Minh und die KP Vietnams nutzten diese Situation und riefen die Bevölkerung in einer nationalen Konferenz Mitte August (13.- 15. 08. in Tan Trao) auf, nun schnell und entschlossen die Befreiung voranzutreiben, bevor Briten und Chiang Kai –shek Truppen die Rolle Frankreichs und Japans übernehmen könnten. Der Aufruf wurde auf breiter Front befolgt. Am 19. August begann der Aufstand in Hanoi, am 25. in Saigon. Innerhalb einer Woche errang die Befreiungsfront 56 von 65 Provinzen. Als letzte Provinz fiel Ha Tien am 28. August. [2]

Zu Jubel blieb wenig Zeit

Zum Jubel über den Erfolg blieb wenig Zeit. Schon am 02. September wurde der Versuch die Unabhängigkeit in Saigon zu feiern blutig unterdrückt. 47 Menschen wurden erschossen. Britische Truppen befreiten die gefangenen Franzosen und gliederten sie in ein Expeditionsheer ein und im Oktober übernahmen französische Militärs erneut die öffentlichen Institutionen und verhinderten im Süden Vietnams die Autonomie. [3] Auch im Norden war wenig Zeit zum feiern. Als erstes musste eine neue drohende Hungersnot abgewendet werden.
Der wenige Reis wurde streng rationiert und gleichmäßig verteilt; die Bevölkerung aufgerufen jeden 10. Tag zu fasten. Gleichzeitig wurde der Anbau von Gemüse, das schnell wächst, gefördert und das Deichsystem repariert. Die ersten Erfolge stellten sich ein – im Sommer 1946 gab es für die Menschen wider das Nötigste zum Essen.

Stefan Kühner
stefan-kuehner@gmx.dewww.fg-vietnam.de


Quellen und weiterführende Literatur:

[1]
 Nguyen Khac Vien
Vietnam eine lange Geschichte
The Gioi Publishers und Freundschaftsgesellschaft Vietnam
Hanoi und Düsseldorf, 1999

[2] Mai Ly Quang
Vietnam stellt sich vor
Thé Giói Publishers, Hanoi 2005

[3] Giesenfeld, Günter
Der hundertjährige Krieg – Eine Chronologie
nach obenin Vietnam Kurier 1/2005
Freundschaftsgesellschaft Vietnam, Düsseldorf, 2005


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