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IIm Sommer 1996 führte mich meine erste Reise nach Vietnam. Geplant war ein 4-wöchiger Aufenthalt, um dann auf dem Landweg über Laos, von Thailand wieder nach Deutschland zu fliegen.

Ich habe nie den Boden Laos’ oder Thailands betreten, sondern blieb 10 Wochen in Vietnam.

Mekong DeltaEinen Tag nach meiner Ankunft leihte ich mir das Fahrrad meines Gastgebers - einem Deutschen, der in Saigon arbeitete - aus, um vom Stadtbezirk 8 in den Stadtbezirk 1 (Zentrum) zu fahren. Auf dem Weg dorthin bedauerte ich sehr, nicht über ein weiteres Augenpaar zu verfügen. Der Verkehr, meist Mopeds, strömte von allen Seiten auf mich ein. Am spannendsten war es im Kreisverkehr. Den Vietnamesen ist die Zeit zu kostbar, um wirklich im Kreis zu fahren. Da wird schon gern mal die Abkürzung durch den Gegenverkehr genommen, um an die Ausfahrt zu kommen, die links von einem liegt. Schnell lernte ich, daß die wichtigste Regel lautet: nicht stehen bleiben, sondern ausweichen. Wenn möglich, in eine andere Richtung, als der von vorn direkt auf mich zusteuernde Verkehrsteilnehmer, um dann galant aneinander vorbeizufahren und den nächsten anzuvisieren. Es ist ein Irrtum anzunehmen, der Straßenrand sei der sicherste Ort für einen Anfänger in Saigons Straßendschungel. Weit gefehlt. Der sicherste Ort ist die Straßenmitte, da Verkehrsteilnehmer aus den Seitenstraßen, aus Gängen oder Hauseinfahrten ohne Anzuhalten - geschweige denn, nach rechts, ja nicht mal nach links zu gucken - auf die Straße preschen. Auch da heißt es, Aufpassen und Ausweichen.

Als ich endlich vor dem Rathaus Saigons stand, konnte ich zum ersten Mal durchatmen. Ich setzte mich auf eine Bank und beobachtete eine Familie: einen Mann, eine Frau und mehrere Kinder, die sich sehr vergnügt unterhielten, miteinander scherzten und lachten.

Mekong DeltaAuf einmal zückte der Mann einen kleinen Fotoapparat. Die Frau und die Kinder nahmen Aufstellung und erstarrten in ihren Bewegungen. Es war kein Lachen mehr zu hören, alle schauten sehr, sehr ernst. Ich musste über diesen Anblick lachen, da es ein so großer Gegensatz zu dem vergnügten Bild davor war. Daraufhin trat die Frau zu mir und fragte: „Entschuldigung, sind sie aus Deutschland?“ So kamen wir ins Gespräch. Wir waren uns sofort sympathisch und sie – Deo - lud mich ein, ihre Familie zu besuchen, die im Mekongdelta wohnt. Deo schrieb mir die Adresse ihrer Familie auf, einen Hinweis für den Kapitän des Schiffes und zu guter Letzt, die Adresse, von wo das Schiff, immer nachmittags, abfahren sollte. Mehrfach betonte sie, daß es besser wäre, wenn ich morgen gleich mit ihr mitkäme, aber da ich gerade erst in Saigon angekommen war, wollte ich noch ein paar Tage dort bleiben. Die einzigen Worte, die mir auf dem Adresszettel bekannt vorkamen, waren: Ben Tre. Ich konnte zu dem Zeitpunkt noch kein einziges Wort vietnamesisch, war aber der Meinung, daß ich Deos Familie in Ben Tre schon finden werde.

Drei Tage später fuhr mich ein Motorrad-Taxi am Nachmittag zum Hafen. Dieser lag nicht etwa im Stadtzentrum Saigons, sondern irgendwo im Stadtteil Nr.4, an einem Seitenkanal, in einer leicht zwielichtig wirkenden Gegend. Ich zeigte meinen Zettel vor und wurde zum Tee auf ein noch leeres Boot eingeladen. Nach und nach kamen weitere Passagiere, die mich alle verwundert anschauten. Ich zahlte den 6fachen Preis der Vietnamesen für meine Fahrkarte, welche mit 66000 Dong aber immer noch sehr billig war.

Mekong DeltaDas Boot ist schnell beschrieben. Vielleicht 15 Meter lang, aus Holz gebaut, bestand es aus zwei Klassen: Hängematten und harte Bänke im Maschinenraum, dazu allerlei Gepäck, riesige Säcke voller Waren und mehrere Hühner. Darüber befand sich die gehobene Klasse: 20 Liegestühle in einem stickigen dunklen Raum, in dem auch die kleinen Vietnamesen nicht aufrecht stehen konnten.

Der Zweitakterdieselmotor machte so großen Krach, daß man sein eigenes Wort nicht verstand. Das war mir aber alles egal, da ich die ganze Zeit draußen sitzen wollte, um das Leben auf dem Mekong und an seinen Ufern zu beobachten. Die Schiffsbesatzung lud mich ein, eine Drachenfrucht zu essen und ein Glas Reisschnaps zu trinken. Wir hatten Saigon verlassen und am Ufer zog das gemächliche Landleben vor dem Sonnenuntergang vorbei. Kinder die badeten, Entenschwärme, die ins Wasser getrieben wurden. Es war warm, ein wenig windig, Stimmen wehten herüber, es roch gut - so, wie es nur in Asien riechen kann. Der Abend brach herein. Auf einmal entstand eine leichte Hektik, wir wurden aufgefordert, ins Innere des Schiffes zu gehen. Alle Luken und Türen wurden verschlossen. Dann legte das Schiff irgendwo an. Durch die Ritzen im Holz konnte ich einen Turm, der mich an die Wachtürme an der deutsch-deutschen Grenze erinnerte, erkennen. Daneben stand ein Zweckbau, vor dem die vietnamesische Flagge an einem Fahnenmast wehte. Kurze Zeit später fuhren wir weiter. Mir kam das alles sehr, sehr seltsam vor. Zu dem Zeitpunkt konnte ich noch nicht wissen, daß sich dieses Schauspiel in der Nacht noch zweimal wiederholen sollte.

Mekong DeltaIch ging wieder an die frische Luft. Inzwischen war es stockduster. Überall auf dem Mekong, sah ich kleine Glühlämpchen blinken. Da wurde mir erst bewusst, daß auch unserer Schiff ohne Beleuchtung, lediglich mit dieser kleinen Glühlampe als Erkennungszeichen, fuhr. Kam uns ein anderes Lämpchen entgegen, warf der Kapitän einen großen Scheinwerfer an und schwenkte ihn einmal über das Wasser. Aus der kleinen Glühlampe gegenüber, entwickelte sich dann jedes Mal ein ziemlich großes Boot, welches aus dem Dunkel auftauchte und sich mit dem Erlöschen des Scheinwerfers wieder in ein kleines Glühlämpchen verwandelte. Mit beiderseitigem Hupen, fuhr man - manchmal sehr knapp - aneinander vorbei. Die ersten Male habe ich mich sehr erschrocken. Es ist auch in der Nacht sehr viel Betrieb auf dem Fluß. Trotzdem hatte ich keine Angst, obwohl die Geräusche des Schiffes nicht zu beschreiben sind. Das Tuckern des Motors erstirbt manchmal, um dann wie ein Ächzen neu auzuheulen. Ich stelle mir vor, welche Augen sie beim deutschen TÜV machen würden, sähe man dort dieses, von seinen Reisen gezeichnete, Schiff. Aber im Gegensatz zu den Langweilern der Deutschen Flotte, hätte dieser "Seelenverkäufer" sicherlich einiges zu erzählen.

Nach ein paar Stunden, ich hielt immer Ausschau nach den Lichtern einer größeren Stadt, stiegen die ersten Leute aus. Ein Holzbrett, auf dem man ans Ufer balancieren mußte, wurde vom Schiff an das Festland gelegt. Der Scheinwerfer gab das nötige Licht dazu. Kurz danach, waren alle im Dunkeln verschwunden, und wir fuhren weiter.
Lichter einer Stadt waren weit und breit nicht zu sehen. Ich stellte mich auf eine längere Reise ein und versuchte in meinem Liegestuhl ein wenig zu schlafen. Kurz darauf leuchtete mir jemand mit einer Taschenlampe ins Gesicht und machte eine Handbewegung, die mir zu verstehen gab, ich möge mitkommen. Wir legten wieder an. Das Ufer war eine schwarze Wand, nirgends ein Licht. Da ich der Meinung war, daß es sich nur um einen Irrtum handeln konnte, holte ich nochmals meinen Zettel vor. Der Kapitän nickte und zeigte auf eine Frau. Ich nahm meinen Rucksack und folgte der Frau ans Ufer. Vom Boot erscholl noch ein kräftiges Hupen und da war es auch schon im Schwarz der Nacht verschwunden. In Deutschland würde man sagen: Es ging über Stock und Stein. Im Mekongdelta hieß es: Es ging über wackelige Bambusstäbe, die als Brücken über unzählige Gräben fungierten.

Mekong DeltaPlötzlich standen wir vor einem Haus. Die Frau drehte sich zu mir um, zeigte zum Himmel, dann kniff sie die Augen zusammen, machte sie danach weit auf und hielt sie mit ihren Fingern offen, als wollte sie Streichhölzer hineinstecken, und Zeigefinger auf. Was sollte das heißen? Sie weckte ihren Mann und führte mich in ihr kleines Haus. Dort wischte sie mit einem Tuch ein Holzbett ab, rollte eine Strohmatte aus, legte mir ein Kopfkissen hin und verschwand mit ihrem Mann im Nebenzimmer. Also wollte sie mir vorher zu verstehen geben, daß wir morgen, wenn die Sonne scheint und man wieder etwas sieht, nach Ben Tre gehen/fahren. Da lag ich nun, nachts um 2 Uhr, an einem fremden Ort, bei fremden Menschen.

Ich habe trotzdem gut geschlafen. Um 5.30 Uhr wurde ich wach. Ich schlug die Augen auf und über mir befanden sich unzählige Gesichter, die mich alle anstarrten und dann kicherten, als ich vor Schreck, leise aufschrie. Ab diesem Moment wurde jede meiner Bewegungen verstohlen beobachtet. Ich saß auf dem Bett und die Kinder hatten ihren Spaß daran, mich mit den verschiedensten Früchten zu beschenken. Trotzdem ständig jemand das Haus betrat, mich anschaute, kicherte und wieder verschwand, war die Situation äußerst freundlich und gelassen. Ich holte mal wieder meinen Zettel hervor. Die Reaktion war ein leichtes Abwinken. Geduld hieß das Zauberwort. Ich hatte absolut keine Ahnung, wo ich mich befand. Eines allerdings wußte ich sicher: Ben Tre war es nicht.

Mekong DeltaGegen 7.00 kam auf einmal eine sehr alte Frau in das Haus. Man zeigte auf mich und gab mir wiederum zu verstehen, daß ich dieser Frau folgen sollte. Sie hatte ein sehr liebes, gütiges Gesicht und nahm sofort meine Hand, drückte sie, streichelte sie. Dann sagte sie nur ein Wort: „Deo“. Wieder ging es über zahlreiche Gräben, durch Reisfelder und kleine Obstplantagen. Die alte Frau schaute mich immerzu an und lachte. Nach einer halben Stunde standen wir vor einem Haus und Deo begrüßte mich überschwenglich. Sie verriet mir später, daß sie nicht daran geglaubt hätte, daß ich diese „gefährliche Reise“ wagen würde. Sie wohnte keineswegs in der Stadt Ben Tre, sondern in einem kleinen Dorf, welches in der Provinz Ben Tre liegt. Ich wurde von der ersten Minute an in die Familie integriert und habe dort, in dem kleinen Dorf im Mekongdelta 10 äußerst erlebnisreiche Tage verbracht. Für mich war das eine sehr glückliche Zeit. Bei den Einwohnern des Dorfes hieß ich: „das Mädchen, das vom Himmel gefallen ist“.

Welche Bewandtnis diese mysteriösen Kontrollpunkte haben, konnte ich bis heute nicht herausfinden. Angeblich werden dort die Schiffe daraufhin kontrolliert, ob sie nicht zu viel Passagiere an Bord haben. Da aber kein Kontrolleur das Schiff betreten hat, zweifle ich diese Erklärung meiner Freundin an. Ich kann mir nicht vorstellen, daß die Familie, der das Schiff gehört und die darauf auch lebte, an drei verschiedenen Posten Schmiergeld bezahlte, um einer Kontrolle zu entgehen. Wir waren vielleicht 20 Passagiere, da bliebe ja gar kein Geld mehr übrig.

Ein halbes Jahr später, besuchte ich die Familie wieder. Kurz nach dem Tetfest 1997 bin ich zweimal vergebens zum Hafen in Saigon gefahren. Das erste Mal hieß es, der Kapitän sei noch betrunken, das Schiff fährt erst morgen. Am nächsten Tag ging es dem Kapitän noch nicht so gut, so daß ich einen weiteren Tag in Saigon verbringen mußte. Deos Familie konnte ich nicht verständigen. Im Nachhinein erzählte mir meine Freundin, daß ihre Familie ein kleines Feuerwerk am Ufer des Mekong aufgebaut hatte, um mich damit zu begrüßen. Als ich nach zwei Tage nächtlichen Wartens immer noch nicht angekommen war, wurde das Feuerwerk enttäuscht abgebaut.

Wieder mit diversen Zetteln ausgerüstet ging ich zum Kapitän sagte ihm, daß ich bitte dort und nur dort aussteigen möchte. Er nickte. Die Fahrt war wieder wunderschön. Über den Liegestühlen waren ganz neue Schwimmwesten angebracht. Ansonsten unterschied sich die Fahrt kaum, von der letzten. Laue Abendluft, vertraute Düfte, kleine Glühlampen auf dem großen Mekong und diverse Kontrollpunkte. Gegen 3 Uhr, immer mehr Passagiere verließen das Schiff, kam mir die Sache allerdings etwas seltsam vor. Ich hätte längst aussteigen müssen. Draußen dämmerte es bereits.

Mekong DeltaIrgendwann war ich der einzige Fahrgast auf dem Schiff. Dann sah ich auf einmal die Brücke von Cai Mon und wußte, ich bin viel zu weit gefahren. Im Nachhinein berührt es mich immer wieder, daß sich die Vietnamesen auf den Schiffen so verantwortlich für mich gefühlt haben und mich nicht mitten in der Nacht irgendwo allein ans Ufer springen lassen wollten. In dem Moment als mir bewusst war, daß ich mich an der Endstation Cai Mon befand, machte mich dieses Verhalten nur wütend. Ich war müde, die Zeitumstellung saß mir noch in den Knochen. Ich sehnte mich nach frischem Wasser und einem Bett. Der Kapitän sagte mir, daß mich zwei Stunden später ein anderes Schiff in das Dorf meiner Freundin fahren wird. Toll, dachte ich, wenn man mich dort auch nicht von Bord läßt, bin ich bald wieder in Saigon. Ich saß auf dem Boot, schaute mir das morgendliche Treiben auf dem Mekong an und wartete. Viele Händler fuhren ihre Waren zum Markt. Aus allen Himmelsrichtungen hörte man das Tuckern der Boote.

Auf einmal rief jemand meinen Namen. Es war einer von Deos Brüdern, der an diesem Morgen auf dem Markt Reis verkaufen wollte. Welch seltsamer Zufall, da ich weiß, daß die Familie höchstens 2 Mal im Monat nach Cai Mon fährt.
Nach 5 Tagen im Dörfchen – diesmal ohne Deo – fuhr ich mit selbigem Boot wieder nach Saigon zurück. Vor mir lag noch eine lange Reise mit dem Zug und Tage später mit dem Motorrad: 1000 km durch das nordwestliche Gebirge. Davon berichte ich vielleicht später.

2005 war ich wieder zu Besuch bei der Familie meiner Freundin. Diesmal auf dem Landweg, was fast ebenso abenteuerlich war. Inzwischen gibt es eine befestigte Straße. Jeder, der es sich leisten kann, fährt jetzt mit dem Minibus-Taxi, da es viel, viel schneller geht. Ich werde das nächste Mal, 2007 oder 2008, wieder das Boot wählen. Ich muß es doch noch irgendwann einmal schaffen, an dem Punkt auszusteigen, der auf meinem - inzwischen leicht zerknitterten - Zettel steht.

© Text und Fotos: Lill Tieger

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