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Gerade bereiten die USA einen neuen Krieg vor. Ihr Präsident sieht die
150303pries»nationale Sicherheit« bedroht – wie seine Vorgänger einst, die ihr Land in Vietnam »verteidigen« ließen.

Phan Thi Van Kieu wird demnächst 27 Jahre alt. Zu jung, um selbst erlebt zu haben, was am 16. März 1968 – vor 35 Jahren – in ihrer Heimatgemeinde geschah. Tinh Khe heißt das Dorf im schmalen Küstenstreifen der mittelvietnamesischen Provinz Quang Ngai. Manchmal spricht die junge Frau im hellblauen Ao-Dai-Gewand auch von Tu Cung. Geduldig versucht sie dem verwirrten Fremden, der andere Namen erwartet hat, zu erklären, wann wer wofür welche Bezeichnung benutzte: Zu Zeiten des südvietnamesischen Regimes sei die Gemeinde in Son My umbenannt worden. Und auf den Karten der USA-Division, die damals im nahen Chu Lai ihr Quartier hatte, waren die unter Palmen und in dichtem Gebüsch versteckten Weiler der Einfachheit halber nummeriert – von My Lai 1 bis My Lai 6.

»Alles unschädlich machen – alles!«

Am 15. März 1968 hatte Hauptmann Ernest Medina, Chef der C-Kompanie, seine Leute zusammengenommen und ihnen eröffnet, dass man am nächsten Tag nach »Pinkville« ausrücken werde. »Pinkville« war die kompanie-übliche Bezeichnung für My Lai 1. Angeblich sollte sich dort ein Bataillon der »Vietcong« festgesetzt haben, der vietnamesischen Kommunisten. Da man aber nicht sicher sein könne, wer ein »Vietcong« ist, und verhindern müsse, dass einem der »Vietcong« in den Rücken fällt, werde man bei My Lai 4 anfangen und dann nach My Lai 5, My Lai 6 und My Lai 1 vorrücken. »Unsere Aufgabe besteht darin, alles unschädlich zu machen«, sagte Medina laut Erinnerung eines seiner Zugführer, des Leutnants William Calley. Später behauptete der Kompaniechef, er habe seine Männer aufgefordert, ihren »gesunden Menschenverstand« zu gebrauchen. Doch etliche Soldaten sagten aus, dass er auf die Nachfrage, was er mit »alles« meine, wiederholt habe: »Alles, Männer, Frauen, Kinder, Katzen, Hunde – alles.«
Die Sonne war am anderen Morgen kaum aufgegangen, als die Hubschrauber der Medina-Kompanie in den Reisfeldern vor My Lai 4 landeten und in die armseligen Hütten von Bauern und Fischern stürmten, in denen Frauen gerade das Frühstück bereiteten. »Die GIs knallten die Leute ab, ohne lange zu überlegen. Sie warfen Granaten nach ihnen oder spießten sie auf ihre Bajonette. Jemanden erstechen, zur Seite werfen und weitergehen, das war's«, schilderte Leutnant Calley das Vorgehen gegenüber John Sack, der seine Geschichte aufschrieb.(*) »Ich dachte immer nur an Medina, der mir gesagt hatte: ›Vorwärts!‹ Also befahl ich: ›Vorwärts! Vorwärts! Vorwärts!‹«
Und Calley führte seinen Soldaten vor, wie man sich »die Leute vom Hals schafft«: An einem Bewässerungsgraben hatten die GIs 107 Einwohner zusammengetrieben. Der Leutnant brüllte: »Verdammt noch mal! Schaffen Sie sie sich vom Hals«, und feuerte selbst »höchstens ein halbes Dutzend Salven« aus seiner M-16 auf Frauen, Kinder und Alte, die in den Graben fielen…
Es gibt inzwischen viele Berichte über das grauenvolle Geschehen an jenem Morgen. Drei Stunden dauerte das Morden. Dann wurde die Operation abgeblasen. Das »Vietcong«-Bataillon, hieß es, sei mittlerweile aus »Pinkville« – My Lai 1 – wieder abgezogen. My Lai 4 aber war ein brennendes, rauchendes, »ausgestorbenes« Dorf. Das Wort »Kollateralschaden« war noch nicht erfunden. Der Presse teilte die US-Armee mit, in der Operation »Muscatine« seien 128 »Vietcong« getötet worden. Eine erfolgreiche Aktion also. Den Kommunismus auszurotten, waren die US-amerikanischen Soldaten schließlich nach Vietnam geschickt worden.
In Son My dagegen wurden 504 Tote gezählt – 407 in My Lai 4 und 97 in My Lai 2. Zur Beerdigung der Ermordeten brauchte man fünf Tage, sagt Phan Thi Van Kieu, die heute Besucher über das Gelände führt, das einem Park mit Hecken, Blumen und Skulpturen gleicht. Kleine Schilder weisen auf Reste eines Hauses oder eines Erdbunkers hin, wie sie die Dorfbewohner wegen der häufigen Übergriffe vielerorts angelegt hatten. Gedenksteine stehen an Plätzen, an denen Calleys Zug besonders grausam wütete, an jenem Bewässerungsgraben beispielsweise.
Ein stattlicher Museumsbau zeigt Dokumente und Bilder von Opfern, Tätern und jenen, die später zur Aufklärung des Massakers beitrugen. An den Wänden hängen auch Fotos des Armeefotografen Ronald Haeberle. Deren Veröffentlichung im Magazin »Life« am 19. Januar 1970 hatte viele in den USA aufgerüttelt und nach dem Sinn des Krieges im fernen Südostasien fragen lassen. Das war wohlgemerkt fast zwei Jahre nach dem Massaker. Denn der Brief, den der demobilisierte Soldat Ronald Lee Ridenhour im Jahr zuvor an Präsident Richard Nixon geschrieben hatte, und seine Berichte für die Presse waren in seinem eigenen Land nahezu unbeachtet geblieben. So wurde das grauenvolle Geschehen zuerst in Europa bekannt und löste dort im November 1969 einen Sturm der Empörung und des Protests aus.

Aus Bonn kam »Kein Kommentar«

Um der historischen Wahrheit willen ist anzumerken: Nicht überall. Am 28. November 1969 wurde der spätere Friedensnobelpreisträger Willy Brandt auf seiner ersten Pressekonferenz nach Übernahme des Bundeskanzleramtes vom »New York Times«-Korrespondenten David Binder gefragt, ob sich die Bundesregierung zu den Massakern US-amerikanischer Truppen an Zivilisten in Südvietnam nicht äußern wolle. Brandts Antwort: »Nein.« Als Privatmann wüsste er wohl, »was zu sagen wäre«, als Bundeskanzler aber habe er sich »entschlossen, nicht ungebetene Kommentare der Regierung zu geben«.
Zugführer William L. Calley, zum Oberleutnant befördert, war der einzige Beteiligte des Massakers, der in den USA vor Gericht gestellt und wegen 22-fachen Mordes verurteilt wurde – bevor ihn Präsident Nixon freisetzen ließ. Die Anklage verwunderte Calley: »Ich konnte das nicht verstehen. Eine Untersuchung über My Lai? Warum nicht über die Operation ›Golden Fleece‹? Oder die Operation ›Norfolk Victory‹? Oder ›Dragon Valley‹?« Er wollte sagen: My Lai oder Son My war kein Einzelfall, so war der Krieg eben, in den die USA ihn geschickt hatten.

Powell hielt Beziehungen für »exzellent«

Anders sah das der damalige Major Colin Powell, später Generalstabschef und heute Außenminister der USA: Powell war am 16. März 1968 nicht in Vietnam und trägt für das Massaker keinerlei Verantwortung. Aber acht Monate später, im Dezember 1968, wurde der aufstrebende Stabsoffizier im Hauptquartier der »Americal Division« in Chu Lai damit beauftragt, dem Brief eines jungen Soldaten namens Tom Glen nachzugehen. Glen schrieb, dass er von Massakern der Division an vietnamesischen Zivilisten gehört habe. Solche Akte seien »auf der Ebene von ganzen Einheiten« geschehen, es müsse sich also um »sanktionierte Politik« handeln. Der Mann vermutete dies nicht zu Unrecht.
Powell jedoch verfasste für seinen Vorgesetzten einen Bericht, in dem er die Vorwürfe des jungen Soldaten – ohne mit ihm gesprochen zu haben – als falsch bezeichnete. Abgesehen von »isolierten Vorfällen« seien »die Beziehungen zwischen amerikanischen Soldaten und den Vietnamesen exzellent«.
Phan Thi Van Kieu erzählt von den wenigen Dorfbewohnern, die den Morgen des 16. März 1968 überlebt haben. Die meisten seien heute über 70 Jahre alt. »Nie werden wir diesen schrecklichen Morgen vergessen, aber wir versuchen zu vergeben«, sagen sie auch den US-amerikanischen Kriegsveteranen, die den Ort in den letzten Jahren häufiger besuchen.
Derweil erntet eine Familie gleich neben einem der Steine, die an das Geschehen vor 35 Jahren erinnern, ihren Reis. Die Gesichter unter Kegelhüten und hinter Tüchern versteckt, um sich vor Sonne und Staub zu schützen, sicheln die Frauen bündelweise Halme. An einem kleinen fußbetriebenen Dreschkasten werden die Körner ausgeschlagen, im Wind von der Spreu getrennt und auf großen Planen zum Trocknen ausgelegt. Das einstige Schlachtfeld ist wieder zum Reisfeld geworden.

(*) Calleys Aussagen sind entnommen aus: »Ich war gern in Vietnam. Leutnant Calley berichtet. Aufgezeichnet von John Sack«. Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main 1972

ND-Foto: Pries Reisernte neben einem der Gedenksteine in Son My
 
(ND 15.03.03)

Autor: © Detlef-Diethard Pries

Veröffentlichung mit freundlicher Genehmigung von:
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