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Viele Ausländer denken Vietnam sei ein kommunistisches Land, in dem alle Menschen Atheisten sein müssen. Sie denken so, weil sie glauben zu wissen, dass in Vietnam eine kommunistische Partei regiert, welche die Vietnamesen zum Atheismus zwingt. Diese Annahme ist aber grundsätzlich falsch. Die verschiedenen Glaubensrichtungen und Religionen sind in der vietnamesischen Bevölkerung tief verwurzelt und Bestandteil ihres Lebens seit Jahrtausenden. Der Katholizismus wurde von den europäischen Eroberern nach Vietnam gebracht und deshalb gibt es in Vietnam auch viele Katholiken. Besonders der damalige Präsident der süvietnamesischen Republik Vietnam, Diem, förderte den katholischen Glauben mit der Macht seines Amtes. Auf die Buddhisten liess er sogar seine Soldaten schiessen. Aber egal zu welcher Zeit, welche Regierung und welcher Herrscher auch immer eine Religion oder einen Glauben zu unterdrücken versuchte, so waren diese Versuche nicht von Erfolg gekrönt. Die verschiedenen Glaubensrichtungen in Vietnam vermischen sich oder existieren nebeneinander. Niemals wurden Menschen anderer Glaubensrichtungen oder Religionen in dem Ausmass wie in Europa geschehen verfolgt, gefoltert und getötet. Und niemals gab es derartige Glaubenskriege wie in Europa. Wie ich eingangs erwähnte, liess Diem wärend des Vietnamkrieges auf Buddhisten schiessen und es kam zu Selbstverbrennungen buddhistischer Mönche. Diese Vorgänge waren aber Geschehnisse im Zusammenhang mit dem Vietnamkrieg und innenpolitischer Vorgänge, weil Diem selbst ein eifriger Katholik, die Buddhisten in der Gesellschaft der Republik Vietnam benachteiligte und des Opportunismuses beschuldigte. In der Tat unterstützten zahlreiche Buddhisten die Viet Minh. Derartige Vorgänge waren aber mehr temporär und nicht mit den Glaubens- bzw. Religionskriegen der Europäer zu vergleichen, die mit Unterstützung der europäischen Kirchen aus Gier nach Land und Reichtümer ganze Völker ausrotteten. So zum Beispiel in Nord- und Südamerika geschehen.
Mit Ausnahme der Katholiken und des Islams sind die verschiedenen Glaubensrichtungen und Religionen in Vietnam nicht isoliert, sondern sie können sich miteinander vermischen und ergänzen. So kann ein Vietnamese Mitglied der kommunistischen Partei sein und sich ehrfürchtig vor Buddha verneigen. Taoismus, Animismus, Buddhismus und Konfuzianismus können im Leben eines einzelnen Vietnamesen eine Rolle spielen und sich in seiner Brust miteinander vereinigen. Und eine besondere Rolle spielt der Ahnenkult. Dem Islam anhängig sind hauptsächlich die Cham, eine nationale Minderheit. Daneben gibt es die Religion Hoa Hao und Cao Dai sowie den Mahayana-Buddhismus.
Der Konfuzianismus ist im eigentlichen Sinn keine Religion, sondern eine Anleitung zum “richtigen Leben” und eine Philosophie der gesellschaftlichen Organisation. Konfuzius nahm dem Ahnenkult seine animistischen und magischen Praktiken und verlieh ihm ethische und moralische Grundsätze auf der Basis der patriarchalischen Familie und ermöglichte dadurch erst den Aufbau von Gesellschaft und Staat.
Im Ahnenkult besteht die Grundlage der Religiösität der Vietnamesen. Dabei spielt ihre Glaubensrichtung und weltanschauliche Überzeugung keine Rolle. In wohl keinem vietnamesischen Haushalt fehlt der Ahnenaltar auf dem sich Opfergaben wie zum Beispiel Räucherstäbchen, Obst und sogar Schnaps befinden, um die Ahnen zu verehren, sie um Rat zu fragen und zu ihnen zu beten. Atheistische Vietnamesen im westlichen Ausland, richten sich meistens auch einen solchen Ahnenaltar ein. Aber oft ist zu beobachten, dass sie dieser “höchsten Pflicht” der Nachfahren gegenüber den Ahnen nicht so “intensiv” nachkommen.
Der Animismus bedeutet, dass Menschen glauben, dass die Natur eine Seele besitzt. In allen Dingen und Pänomenen des alltäglichen Lebens wohnen Geister. Je nachdem ob die Naturereignisse bzw. Gegenstände der Natur, wie zum Beispiel der Baum, der Stein auf dem Feld, das Hochwasser, die Sonne, der Regen, der Wind, der Berg usw. .... praktisch etwas gutes oder negatives für den Menschen bedeuten, sind die darin wohnenden Geister böse oder gut. Gerade darin beweisst sich der ausgeprägte Pragmatismus der Vietnamesen in religiösen Angelegenheiten. Der Vietnamese glaubt die Geister bestechen, besänftigen oder ihm wohlgesonnen stimmen zu können. Dies tut er mit Opfergaben sowie mit bestimmten Kulthandlungen. Es kann auch vorkommen, dass ein vietnamesischer Bauer zu der Meinung gelangt, dass der Geist für ihn nicht mehr gut ist. Dann werden solche Geister von den Bauern oftmals verstossen und durch andere ersetzt.
Im Gegensatz zum Konfuzianismus sind im Taoismus die Natur, die Kräfte yin und yang von Bedeutung und nicht die Menschen. Hierzu gehören Dämonenbeschwörung, Magie und Astrologie.Der Jadekaiser herrscht über die Geister, Dämonen und Götter. Es gibt verschiedene Kulte wie zum Beispiel der der vier Mütterm wobei jede der Mütter eine der vier Himmelsrichtungen oder Himmel, Erde, Wasser und Wald darstellen.
Der Buddhismus ist in Vietnam nie so bedeutsam gewesen, wie es ihm oft nachgesagt wird. In Vietnam ist Buddhismus eher eine Mischung aus Ahnen- und Geisterkulten, taoistischen und buddhistischen Elementen. Doch der Ursprung des Buddhismus in Vietnam liegt ebenfalls in dem indischen Fürstensohn Siddharta Gautama.
Der Katholizismus wurde im 16. Jahrhundert durch europäische Seefahrer und später durch katholische Missionare nach Vietnam exportiert. Unter der Herrschaft der französischen Kolonialmacht fand der Katholizismus eine explosionsartige Verbreitung. Viele Vietnamesen liessen sich oft aus ganz praktischen Gründen taufen. Diem, der damalige Präsident der Republik Vietnam (Südvietnam), der selbst ein eifriger Katholik war, wollte Südvietnam gegenüber dem kommunistischen Nordvietnam als katholisches Gegengewicht entwickeln.
1920 entstand unter dem Spiritisten Ngo Van Chieu die Lehre des Cao Dai. Sie soll alle westlichen und östlichen Religionen vereinigen. Unter anderem Jesus Christus, Buddha, Victor Hugo und Winston Churchill werden im Cao Dai als Heilige verehrt. Die Zahl der Anhänger des Cao Dai liegt auch noch in der Gegenwart bei ca. 1,5 Millionen und sie ist nur im Süden von Vietnam verbreitet. Zu den Zeiten des Kampfes gegen die Franzosen hatte die Sekte eine grosse Privatarmee.
Die Sekte der Hoa Hao wurde 1939 gegründet. Sie war eine bewaffnete und militante Bewegung, die erst unter Diem vernichtend geschlagen wurde. Seitdem spielte sie keine wesentliche Rolle mehr. Die Hoa Hao verbündeten sich zeitweise mal mit den Japanern, den Franzosen und später auch mit den Viet Minh.
Der Islam wurde hauptsächlich durch die von den Franzosen ins Land geholten Inder verbreitet. Nach 1975 verliessen die meisten Inder Vietnam wieder. Hauptsächlich praktiziert die Minderheit der Cham den Islam. Diese Religion hat in Vietnam fast keine Bedeutung.
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