|
Der Ursprung der vietnamesischen Nation
Trotz der über mehrere Jahrhunderte stattfindenden unzähligen Kriege, Rebellionen und Plünderzüge verschiedener Invasoren, gewann Giao Châu in dieser Zeit durch seine für Seeverbindungen und Handel günstige geografischen Lage an Wohlstand. Es entwickelte sich die Đai La Kunst als erste original vietnamesische Kunst. Diese unterlag indischer, wie auch chinesischer Einflüsse. Durch den stetig anwachsenden Wohlstand und dem kulturellen Aufschwung wuchs auch das nationale Bewusstsein der einheimischen vietnamesischen Völker.
In Vietnam vereinigten sich die meisten buddhistischen Sekten unter der Dhyâna-Schule. Ihr lag nicht die Suche nach der Wahrheit aus Schriften zugrunde, sondern dass der Mensch in sich selbst, “in seinem eigenen Herzen das Herz Buddhas erkennt”. Hieraus begründet sich der tiefere Sinn des sogenannten Meditationsbuddhismus. Durch Meditation, völliger Ausschaltung innerer und äusserer Unruhe sowie Gedankenströme, verbunden mit der Findung einer absoluten Ruhe des Geistes sollte über mehrere Meditationsstufen der Zustand der Indifferenz erreicht werden. Marco Polo, der später auf seinen Reisen im Auftrag von Kubilai Khan dem Meditationsbuddhismus begegnete, berichtete in seinen Berichten voller Unverständnis von diesem, in seinen Augen, “besessenen Wahn dem realen Leben zu entfliehen, ohne etwas nutzbringendes im irdischen Leben vollbracht zu haben”. Das war die Ansicht eines Venezianers und Christen. Im 6. und 7. Jahrhundert verbreitete sich diese Religion in Gia Châu rasant und es entstanden eine Vielzahl prächtiger religiöser Pagoden und Heiligtümer. Bis zu Beginn des 13. Jahrhunderts hatte diese Form des Buddhismus eine massgebliche Bedeutung. Zur gleichen Zeit entwickelte sich die erste vietnamesische Kunst, welche die Đai La Kunst genannt wird. Benannt nach der alten Hauptstadt Đai La. In ihr sind kulturelle Einflüsse u.a. aus Indien, Zentralasien, China, der Cham sowie Indonesien enthalten. Aber ich möchte auf dieses Thema hier nicht näher eingehen.
Ein massgeblicher Pfeiler der Entwicklung zu einem vietnamesischen nationalen Bewusstsein ist politischer Natur. Bevor die Han die vietnamesischen Gebiete eroberten, gingen die Einheimischen hauptsächlich dem Fischfang, der Jagd und einer primitiven Landwirtschaft nach. Unter dem Einfluss der Chinesen wurden neue Technologien und Techniken eingeführt. So z. Bsp. der Pflug aus Metall, die Erz- und damit verbunden die Metallverarbeitung. Dadurch wurde die vietnamesische Landwirtschaft und der gesamte Wirtschaftskreislauf revolutioniert. Verbunden mit höheren landwirtschaftlichen Erträgen und dem anwachsenden Lebensstandard wuchs auch zahlenmässig die Bevölkerung. Dieses stete Anwachsen der Bevölkerungszahl führte wiederum zu der Erschliessung neuer Lebensräume. Eine weitere und wesentliche Quelle bzw. Triebfeder für das Entstehen eines eigenständigen vietnamesischen Nationalbewusstseins bestand vor allem darin, dass in der Landbevölkerung mittels mündlicher Überlieferung die legendäre Erinnerung an Hông Bang und Âu Lac von Generation zu Generation weiter getragen wurde. Und das trotz der in einem Jahrtausend stattfindenden Einwanderung und Vermischung fremder Völker mit den Einheimischen, voran der Chinesen aus dem Norden. Die vietnamesischen Völker bewahrten in der ganzen Zeit ihr ethnische Eigenart und Sprache. Bleibt hervorzuheben, dass diesbezüglich der einheimische Adel aufgrund seiner Anpassung an die chinesische Kultur und Verwaltung zu keiner Zeit dazu beigetragen hatte. Das betraf ebenfalls die intellektuellen Eliten des Landes. Die Bewahrung der eigenen Identität fand ausschliesslich im Volk selbst statt.
Im 6. Jahrhundert hatte Ly Bôns Aufstand das Ziel vor Augen, Nam Viêt wieder als das alte Königreich zu errichten und indem das Volk Phung Hưng im Jahr 791 den Titel “Bô Cai Đai Vương” verliehen hatte, wurde zum ersten mal die Vereinigung um ein Oberhaupt hergestellt, welches vom Volk selbst ernannt wurde. Zwar kann man letzteres anzweifeln, jedoch bleibt die Tatsache, dass sich das Volk nach einer tausend Jahre andauernden Besetzung durch die Chinesen zum ersten mal einig um ein eigenes Oberhaupt scharrte. Der Niedergang des T’ang-Reiches führte dann letztendlich zu einer Herausbildung eines eigenen Nationalbewussteins, welches der Grundstock zur Befreiung des Volkes vom fremden Joch werden sollte. Im Jahr 874 war in China das Elend der Bevölkerung und die katastrophalen wirtschaftlichen Missverhältnisse Auslöser für den Bauernaufstand der Huang Ch’ao. Im Verlauf dieses Bauernaufstandes wurde China von Kanton bis Ch’ang An verwüstet. Das chinesische Reich zerfiel 902 im Süden in 7 Königreiche. Andere besetzte Provinzen hatten sich bis zu dieser Zeit schon die Unabhängigkeit genommen.
Auf das Protektorat wirkten sich diese anarchischen Zustände dahingehend aus, dass die vietnamesische Bevölkerung den chinesischen Gouverneur 906 gewaltsam vertrieb. An ihre Spitze wurde der wohlhabende und einflussreiche Khuc Thưa Du gewählt. Nach seinem Tod ging die Macht an seinen Sohn Khuc Hao über, der eine reguläre Verwaltung einführte und das Land in Provinzen (lô), Präfekturen (phu), Unterpräfekturen (châu) und Dörfer (xa) unterteilte. Und das Steuer- und Fronwesen wurden von ihm geändert. Das Chaos im chinesischen Reich nahm in der Zwischenzeit kein Ende. Der Generalgouverneur von Kanton rebellierte gegen das Herrscherhaus der Liang und verkündete die Unabhängigkeit seines Königreiches Nan Han. Der König von Kanton überfiel Vietnam, weil Khuc Thưa My, der Sohn Khuc Haos, diesen nicht anerkannte. Es gelang dem König von Kanton die Oberhand zu gewinnen und die chinesische Verwaltung wieder einzuführen. Aber die vietnamesische Bevölkerung konnte unter der Führung von Dưong Diên Nghê die Chinesen acht Jahre später wieder aus dem Land vertreiben. Die Chinesen machten sich das innervietnamesische Machtgerangel zu Nutze und intrigierten gegen Dưong Diên Nghê, der daraufhin einem Mordanschlag zum Opfer fiel. Die vietnamesischen Aufrührer wurden jedoch gleich besiegt und vernichtet. Aus Überlieferungen ist bekannt was sich weiter zutrug. Die Chinesen entsandten eine Flotte zur Mündung des Bach Đăng. Die vietnamesischen Verteidiger lockten diese in eine tödliche Falle, indem sie leichte Sampans auslaufen liesen und somit die Chinesen zu einer Verfolgung provozierten. Als die Flut fiel stiessen die chinesischen Schiffe auf im Wasser verborgene Pfähle mit eisernen Spitzen, worauf die Hälfte der chinesischen Flotte unterging. Die Chinesen zogen sich mit ihrer Armee nach Kanton zurück. Somit wurde das Jahr 939 zum entscheidenten Jahr der Befreiung von der chinesischen Besetzung und zur Gründung eines eigenen Staates. Doch dazu lest im nächsten Kapitel zur vietnamesischen Geschichte.
|