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Die Dynastie der Ly
Die vietnamesische Dynastie der Ly verdient in der Betrachtung der vietnamesischen Geschichte unbedingt ein eigenes Kapitel. Sie stellt einen wesentlicher Meilenstein in der Entwicklung zum eigenständigen vietnamesischen Nationalstaat dar. Unter der Herrschaft von Đinh Bô Linh entwuchs zum ersten mal der Wunsch sowie das Symbol nach der Einheit des vietnamesischen Volkes und nationaler Unabhängigkeit und unter der Regierungszeit Lê Đai Hanhs wurde dies erstmalig für eine gewisse Zeit realisiert. Doch wird man im folgenden erkennen können, dass erst unter der Herrschaft der Dynastie der Ly das Haus Vietnam erbaut wurde.
Als 1009 Ly Thai Tô zum neuen Herrscher erhoben wurde, fiel seine Thronbesteigung in eine Zeit, in der sich das Volk nach Recht und Ordnung sehnte. Als erstes verlegte Ly Thai Tô die Hauptstadt nach Đai La. Das hatte auch wirtschaftliche Gründe, denn die bisherige Hauptstadt hatte ihren Standort im Gebirge, weit ab von den Wirtschaftszentren. Die neue Hauptstadt Đai La dagegen war in einer Hochebene angesiedelt, wo es für die Landwirtschaft beste Voraussetzungen gab und die Wegeanbindung zu den anderen Regionen des Reiches günstigere Voraussetzungen für den Handel boten. Bemerkenswert war, dass der Kaiser 1012 für den Erbprinzen Phât Ma einen Pavillion ausserhalb der Mauern der kaiserlichen Paläste erbauen liess. Ly Thai Tô wünschte, dass der Erbprinz das Leben des Volkes kennenlernt.
Die dringendste Aufgabe, der sich Ly Thai Tô zu Beginn seiner Regentschaft widmete war, den Frieden und die Ordnung im Lande wieder herzustellen. Es galt den Widerstand einiger alten Feudalherren und Bergstämme zu bekämpfen. Hierzu übernahm der Kaiser oft selbst den Oberbefehl der Truppen und sämtliche Prinzen waren angehalten ebenfalls jeweils ein Truppenkontigent anzuführen. Erst dadurch konnten sie für sich den Titel eines Vương erwerben. Die Grundfeste der Stärke der kaiserlichen Macht begründete sich aber nicht allein auf militärische Stärke, sondern vor allem auch durch die weitsichtige Förderung von Landwirtschaft, Handwerk und Handel. Durch die Einführung einer neuen Regelung der Steuern nahmen die Einnahmen des Staates beträchtlich zu, welche die Unterhaltung einer bezahlten Beamtenschaft ermöglichten. Dies bedeutete, dass der Kaiser seine Herrschaft über den örtlichen Adel festigte, der bisher untereinander in Unfrieden lebte und sich gegenseitig um Einfluss und Macht bekämpfte. Doch auch die Dynastie der Ly wurde nicht von Erbfolgestreitigkeiten verschont. Aus diesem Grund führte Ly Thai Tông, der Nachfolger Ly Thai Tô’s, den Amtseid ein. Alle Beamten mussten jedes Jahr im zehnten Monat im Tempel Đông Cô diesen Amtseid ablegen.1044 wurde damit begonnen ein umfangreiches Strassennetz zu erbauen. Dieses Strassennetz verliefen strahlenförmig von der Hauptstadt zu den Toren der einzelnen Provinzen. Die Strassen selbst waren in einzelne Abschnitte unterteilt an denen Postmeistereien errichtet wurden. Sie dienten den kaiserlichen Beamten als Unterkunft und die kaiserlichen Boten übergaben die Depeschen an den jeweiligen Postmeistereien anderen dort wartenden Boten. Dies hatte zur Folge, dass der Kaiser die einzelnen Teile seines Reiches fester an sich band. Ausserdem förderte der Kaiser Ly Thai Tông in starkem Masse die Landwirtschaft. Bedingt durch den Frieden, nahm das Bevölkerungswachstum und die Entwicklung der Wirtschaft enorm zu. Von ihm verordnete ländliche Genossenschaften zu je zehn Bauern wurden verpflichtet sich gegenseitig zu helfen und die Aufsicht über Felder und Ernten zu führen. Doch die einzelnen Dörfer hatten schon in Eigeninitiative Deiche erbaut und die Anbauflächen für Felder vergrössert. Ebenfalls der Handel, welcher bisher vorwiegend mit China abgewickelt wurde, erlebte eine reiche Blütezeit.
Doch wäre es falsch anzunehmen, eine Friedenstaube alleine könne dem Kaiser Schutz vor äusseren und inneren Feinden bieten. Mit anderen Worten ausgedrückt stellte der wirtschaftliche Aufschwung nur eine Säule der kaiserlichen Zentralmacht. Der Kaiser lebte in der “Verbotenen Stadt” die durch eine Elitegarde beschützt wurde. Diese Elitegarde war dem Herrscherhaus treu ergeben und zu dessen persönlichen Schutz verschworen. Hinzu wurde eine starke Armee unterhalten, die ein Garant gegen innere sowie äussere Bedrohungen darstellte. Zur Unterhaltung dieser Armee liess sich der Kaiser etwas sehr wirkungsvolles einfallen. Er führte die allgemeine Wehrpflicht der Bevölkerung ein. Das Land war weiterhin in Phu, Huyên und Xa unterteilt und jede Gemeinde wurde von einem durch die Zentralbehörden ernannten Beamten verwaltet. In Register waren alle männlichen Gemeindemitglieder erfasst. Darin wurden sie in fünf Klassen unterteilt. Die Prinzen kaiserlichen Geschlechts und die Mandarine, Militärpersonen, Ärzte, Schauspieler, Bonzen sowie ähnliche Stände, die sogenannten “Gelbmänner” (Männer zwischen 18 und 60 Jahren) und zuletzt noch die Greise, Körperbehinderten und Abwesenden. Unter dem Kaiser Ly Thanh Tông wurde die kaiserliche Garde noch einmal verstärkt und er liess selbst unter den Bergstämmen Bataillone aufstellen, die unter einer strengen Disziplin standen. Sehr wirkungsvoll war die Massnahme ab dem Jahr 1092, auf jedes Reisfeld eine Steuer in Höhe von 3 thăng ungeschälten Reis je mâu Reisfeld zu erheben. Mit dieser Steuer wurde die Ernährung der Armee sicher gestellt.
Thanh Tông proklamierte sich nach dem Sieg über Champa und der Eroberung der Distrikte Bô Chanh, Đia Ly sowie Ma Linh zum Kaiser von Đai Viêt. Bis 1804 sollte dieser Name Bestand haben. Danach wurde er von Gia Long in Việt Nam geändert.
Thanh Tông und seine Nachfolger auf dem Thron widmeten sich aber nicht ausschliesslich dem Ausbau der militärischen Macht. Die Entwicklung des Unterrichtswesens und die Förderung der wirtschaftlichen Entwicklung waren wesentlicher Bestandteil seines Wirkens. 1070 wurde am Südtor Thăng Longs der “Tempel der Literatur” (Văn Miêu) erbaut, der zwei Funktionen zu erfüllen hatte. Zum einen wurde er als Schule für die Prinzen und Söhne der hohen Würdenträger genutzt, sowie diente er der Verehrung der vier Jahreszeiten. Der Unterrichtsstoff der Schule bestand im wesentlichen in der Vermittlung von Literatur, konfuzianischer Lehren und buddhistischen Religion. Das einfache Volk war allerdings von dieser Schule ausgeschlossen. Ebenfalls von der 1076 gegründeten “Hochschule der Kinder des Staates” (Quôc Tư Giam). Aus der ersteren Schule entsprang für die Absolventen die Möglichkeit der Mandarinenlaufbahn und aus der zweiteren der Eintritt in die Beamtenkarriere. Das einfache Volk selbst hatte im Verständnis der oberen Kasten zu arbeiten, zu dienen und der Aristokratie seine Unterwürfigkeit zu erweisen.
Neben der militärischen Macht, diente die Unterstützung durch den buddhistischen Klerus und die Schaffung einer neuen Macht, die Macht der Bürokratie, welche ein Beamtenapparat auszufüllen hatte, dem Erhalt bzw. der Absicherung der vietnamesischen Monarchie.
Wie das so meistens ist, fördern Friedenszeiten das Wachstum der Bevölkerung und lassen die Wirtschaft prosperieren. So auch im 11. Jahrhundert unter der Dynastie der Ly. Der Kaiser förderte aktiv die Einrichtung einer Art Genossenschaften in der Landwirtschaft. Zu Beginn des 12. Jahrhunderts wurde zum erstenmal ein Deichbau schriftlich festgehalten. Wobei die Arbeiten an Deichen in Vietnam vorher und bis zum heutigen Tage nie an Bedeutung verloren haben. Wenn sich der Handel bisher hauptsächlich auf China konzentrierte, so wurde er unter dem Kaiser Ly Anh Tông auf andere Regionen ausgeweitet.
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