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Nach Ende des Krieges und der Befreiung von Fremdherrschaft hatte Vietnam noch eine Unmenge von Aufgaben und Problemen zu lösen. Das Land war verwüstet, Millionen von Menschen waren entweder tod oder kriegsversehrt. Hunderttausende Kinder waren Vollwaisen und die Menschen hungerten. Hier soll in einer Kurzfassung die Entwicklung Vietnams nach 1975 beschrieben werden. Dabei will ich soweit wie möglich nicht auf ideologische Aspekte eingehen.
1976 wurde durch die Nationalversammlung offiziell die Wiedervereinigung und die Umbenennung Vietnams in “Sozialistische Republik Vietnam” beschlossen. Die KPV (Kommunistische Partei Vietnams) erhob den Alleinvertretungsanspruch für Vietnam und seitdem herrscht ein Einparteiensystem. Alle wichtigen Posten, Funktionen und Regierungsämter wurden nach und nach ausschliesslich von Mitgliedern der KPV besetzt. Das selbstgesetzte Ziel der KPV war, Vietnam bis zum Jahr 2000 zu einem starken Industrie- und Agrarland zu entwickeln. Dabei lehnte man sich stark an das sowjetische Gesellschaftsmodell an. Erst wurde Land an die Bauern vergeben und später wieder zwangskollektiviert. Dass es aufgrund der unterschiedlichen Entwicklung extreme Unterschiede zwischen Nord- und Südvietnam gab und das sowjetische Modell nicht einfach wegen der spezifischen Bedingungen auf Vietnam übertragen werden konnte, ignorierte man. Zum Beispiel gab es keinerlei Grundvoraussetzungen um Vietnam zu einem Industriestaat zu entwickeln. Vietnam war stets hauptsächlich ein Agrarland. Der absolute Grossteil der Bevölkerung arbeitet bis zum heutigen Tag direkt oder indirekt in der Landwirtschaft. Dieses falsche Konzept führte dann auch zu einer schweren Wirtschaftskrise. Die Wirtschaft war marode und lag am Boden und Hungersnöte brachen aus. Zahlreiche Menschen waren verzweifelt und es kam zu einer Massenflucht von insgesamt 1 Million Menschen. Diese Menschen wurden “boat people” genannt, weil die meisten mit Boote über das Südchinesische Meer flüchteten. Diese Wirtschaftskrise wurde zusätzlich nicht unwesentlich durch die Embargopolitik der USA sowie einiger westlicher Staaten verschärft. Zwar leisteten einige Ostblockstaaten noch wirtschaftliche Hilfe, aber auch sie hatten mit Schwierigkeiten zu kämpfen und so sanken die Hilfsleistungen gegenüber der Zeit des Vietnamkrieges.
Die Rivalitäten zwischen der Sowjetunion und ihres chinesischen Nachbarn verschärften sich immer mehr, so dass es sogar zu bewaffneten Auseinandersetzungen und Grenzkonflikten kam. Vietnam gelang es infolge dessen mit der Zeit immer weniger zwischen den beiden Grossmächten neutral zu bleiben. Hinzu kam, dass das vietnamesische Engagement und die Interessen Vietnams in Laos und Kambodscha konträr zu den Interessen und dem Machtanspruch Chinas in dieser Region waren. 1979 marschierten vietnamesische Truppen in Kambodscha ein und kämpften gegen die “Roten Khmer”. Die Lage zwischen Vietnam und China war derart gespannt, dass 200.000 chinesische Soldaten in Nordvietnam einfielen. Dadurch geriet Vietnam in eine bedrohliche Lage, weil ein Grossteil der vietnamesischen Truppen in Kambodscha gebunden waren. Erbitterte Kämpfe wurden ausgetragen, in deren Folge grosse Teile Nordvietnams erneut verwüstet wurden. China hätte bei einer weiteren Zuspitzung durchaus Hanoi militärisch besetzen können, zog jedoch seine Truppen wieder ab. Nach Chinas Äusserungen wollte man der Führung in Hanoi “nur eine Lehre erteilen”. Das militärische Engagement in Kambodscha wurde für Vietnam zu einer grossen Belastung. Im Ausland wurde Vietnam wegen seiner Kambodscha-Politik heftig kritisiert und isoliert. Die Wirtschaft war durch diesen Krieg stark belastet und der Grossteil der vietnamesischen Bevölkerung hatte wenig Verständnis für diesen Krieg. Nach 10 Jahren zogen die vietnamesischen Truppen wieder aus Kambodscha ab.
1986 endlich beschloss die KPV auf ihrem 6. Parteitag weitreichende Reformen. Weltweit wurden diese Reformen unter der Bezeichung “doi moi” (Erneuerung) bekannt. Spricht man die Vietnamesen auf diese “doi moi” an, erfährt man wie stolz sie darauf sind. Nicht ohne Grund, weil die Veränderungen die durch diese Reformen eintraten für die vietnamesische Bevölkerung sehr viele Verbesserungen in ihrem Leben hervorriefen und für die Wirtschaft Vietnams einen positiven Schub entwickelte. Kernpunkte der von der KPV beschlossenen Reform waren:
- Politische und wirtschaftliche Öffnung des Landes. Beendigung der einseitigen Bindung an die sozialistischen Länder und damit verbunden die Verbesserung der Beziehungen auch mit den westlichen Staaten.
- Rückzug aus Kambodscha und die Überwindung der Konfrontation mit den Ländern der Region sowie die Entwicklung der Zusammenarbeit mit diesen Ländern.
- Schrittweiser Übergang von der sozialistischen Planwirtschaft zur Marktwirtschaft. Dezentralisierung und Liberalisierung der Wirtschaft verbunden mit der Preisbildung durch den Markt.
- Aufgabe der Nationalisierungspolitik und Anerkennung der Privatwirtschaft. Auflösung der meisten Genossenschaften und Förderung ausländischer Investoren.
- Ersetzung des einseitigen Industrialisierungskonzeptes durch die Schwerpunkte: Nahrungsgüterproduktion, Konsumgüterherstellung und Exportgüterproduktion.
Mit dieser Reform war Vietnam den damaligen sozialistischen Staaten einen grossen Schritt mutig voran gegangen. Sie war weitreichender als selbst die neue Politik unter Gorbatschow. Zwar sind noch nicht alle Punkte der Reform in ausreichendem und befriedigendem Umfang realisiert, jedoch haben sich seitdem die Lebensverhältnisse der vietnamesischen Bevölkerung erheblich verbessert, ohne dass das Armutsproblem allerdings gelöst werden konnte. Inzwischen ist Vietnam zum zweitgrössten Reisexporteur aufgestiegen und ausländische Unternehmen investieren in einem vergleichsweise erheblicheren Umfang in Vietnam. Für ausländische Investoren stellt nur die oftmals etwas undurchsichtige und sich oft schnell ändernde rechtliche Lage sowie die allgegenwärtige Korruption ein Problem für noch mehr Investitionen dar. Das Fehlen von Meinungs- und Pressefreiheit und alleinige doktrinieren der ideologischen Linie der KPV und die Androhung von Bestrafung falls man sich dagegen öffentlich wendet ist gegenwärtig das Haupthindernis für eine weitere Öffnung zum Ausland und für die Freisetzung von noch mehr Kreativität der eigenen Bevölkerung. Aber es ist wohl nur eine Frage der Zeit bis auch dieses Problem der Vergangenheit angehört. Man sollte diesbezüglich Vietnam etwas Zeit lassen und ein sanfter Übergang ist allemal besser als der von vielen Auslandsvietnamesen geforderte politische Aktionismus.
Seit 1991 verzeichnet Vietnam jährliche Wachstumsraten des Bruttoinlandsproduktes in Höhe von mehr als 8%, der Industrie mehr als 10%, der Landwirtschaft über 4% und des Exportes mehr als 20%. Die dramatische Inflation wurde gestoppt, u.a. die Infrastruktur, das Transportwesen, die Industrie, die Tourismusbranche wird ständig ausgebaut und modernisiert.Obwohl es damit noch einige Probleme gibt, wurde trotzdem die Religionsfreiheit wieder eingeführt. Vor allem seit den letzten 10 Jahre hat sich in Vietnam einerseits eine starke Mittelschicht und andererseits eine Schicht der Neureichen herausgebildet. Die soziale Schere zwischen den ganz Armen und den Reichen ist viel grösser geworden. Die Reichen richten Feste in 5-Sterne-Restaurants aus und reisen in der Welt herum und andererseits verlassen viele Kinder frühzeitig die Schule oder können sie gar nicht mehr besuchen, weil sie mit für den Lebensunterhalt der Familie sorgen müssen und weil sich die Eltern das Geld für eine Schulausbildung nicht mehr leisten können. Erheblich ist die Prostitution expandiert. Ebenso die Kinderprostitution. Vietnam ist in Südostasien zum Hauptdurchgangsland für Heroin geworden. Obwohl der vietnamesische Staat schon bei geringsten Mengen die Todesstrafe verhängt, sorgt die extreme Armut einer grossen Bevölkerungsschicht dafür, dass es eine hohe Drogenkriminalität gibt. Das Sozialsystem besteht für einen Grossteil der Bevölkerung praktisch nicht. Krankenhaus- und Behandlungskosten müssen in vollem Umfang selbst gezahlt werden und von der Rente, wenn man eine erhält, kann man gerade mal eine Woche notdürftig überleben.
Dennoch war diese Reform “doi moi” eine weise Entscheidung der Führung der KPV und wenn man sich Vietnams Entwicklung der letzten 10 Jahre betrachtet, dann kann man in vielen Bereichen sehr positive Fortschritte beobachten.

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