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Die Vietnamesen, welche zum Beispiel in Europa mitten unter uns leben, haben ein differenzierteres Bild von uns “Weissen” als die Vietnamesen in Vietnam. Für denjenigen, der Vietnam besucht ist es unter Umständen nicht uninteressant zu wissen, wie sehen uns dort die Einheimischen und was für ein Bild haben sie von uns. Deshalb im folgenden einige Ausführungen dazu.

Ausländer werden in Vietnam in der Regel als Tây bezeichnet. Das bedeutet so viel wie “Westler”. Die Bezeichnung mũi lỗ, was “Langnase” heisst, wird eher weniger benutzt. Ein Ausländer kann leicht in den Irrglauben verfallen, dass ihm in Vietnam alles verziehen wird, die Vietnamesen sich an nichts an seinem Verhalten stören und man also kein Fehlverhalten befürchten muss. Diese Annahme ist grundsätzlich falsch. Die Vietnamesen sind erstens sehr zurückhaltend und höflich. Zweitens nehmen sie sowieso von vornherein an, dass ein Ausländer nichtasiatischer Herkunft nicht weiss wie er sich korrekt benehmen muss und dass so ein Ausländer in seiner Heimat nach anderen Regeln lebt. Die Vietnamesen akzeptieren, dass Ausländer Dinge tun dürfen, die je nach Situation, Geschlecht und Situation ein vietnamesischer Mann oder eine vietnamesische Frau niemals tun dürfte. Sicherlich ändert sich mit der Zeit auch in der vietnamesischen Gesellschaft vieles und gerade die junge Generation orientiert sich in manchen Dingen an die sogenannte westliche Kultur, weil es als “schick” gilt. Eine Verhaltensweise, die wir ja auch von Jugendlichen in unserem Land kennen. Aber in der vietnamesischen Gesellschaft gibt es auch heute noch feste Regeln und für einen Vietnamesen nicht übertretbare und ungeschriebene Gesetze des Verhaltens. Trotzdem sollten Besucher Vietnams, auch wenn man ihnen einiges von seiten der Einheimischen nachsieht, sich an die Grundregeln guten Benehmens halten. Man sollte den Älteren mit Respekt und Achtung begegnen, sich höflich und bescheiden verhalten und Zurückhaltung üben. Kommt es einmal zu einer Auseinandersetzung bzw. Konflikt mit einem Vietnamesen, dann empfiehlt es sich, dem Gegenüber sein “Gesicht waren zu lassen”. Vietnamesen sind, wie schon erwähnt sehr zurückhaltend. Selbst wenn sich jemand schlecht oder falsch verhält, lässt sich der Vietnamese nicht zu emotionalen Ausbrüchen verleiten. Doch prägt sich ihm eine Abneigung und Ablehnung ein, die dazu führt, dass er nach Möglichkeit jeglichem Kontakt mit dem Anderen am liebsten aus dem Weg geht und Antipathie gegenüber diesem verspürt. Deutlich sich äussern wird ein Vietnamese sich nur dann, wenn gewisse Grenzen des Benehmens sehr extrem überschritten wurden. Aber das wird fast nie passieren, weil selbst dann ein Vietnamese/-in sich aufgrund von Höflichkeit und Zurückhaltung eher zurückziehen wird. Manager oder Unternehmer, welche in Vietnam Geschäfte anbahnen wollen, müssen diese Gegebenheiten unbedingt beachten, wenn sie zum Erfolg kommen wollen. Wenn sie die in Vietnam üblichen Verhaltensregeln nicht beachten, so schauen sie zwar in der Regel in lächelnde Gesichter und sie werden weiterhin höflich und mit Zuvorkommenheit behandelt, aber im Grunde hat sich die Ablehnung bei den vietnamesischen Managern schon gefestigt und ist einem erfolgreichen Abschluss von Geschäften abträglich. Im übrigen, bedeuten ein “vielleicht” oder ein “mal sehen” meistens “nein”. Ein westlicher Geschäftsmann darf sich nicht als der “Reiche” der zu dem “Armen” kommt oder als derjenige der “westliches Know How in ein armes Land bringt” verhalten. Die Vietnamesen sind sehr stolze Menschen. Verhält man sich nicht mit Achtung und Respekt gegenüber den Vietnamesen, lässt man sie nicht spüren, dass sie auf einer “gleichen Stufe” stehen, unternimmt man den Versuch sie zu belehren, dann kann man den geschäftlichen Erfolg aus der Liste streichen. Andererseits sind sie oft harte Verhandlungspartner. Sie verfahren nach dem Prinzip: “je mehr der Andere redet, desto mehr erfahren wir und müssen weniger von unseren Informationen preisgeben”. Fühlt man sich mit unannehmbaren Maximalforderungen konfrontiert, so sollte man unter Beachtung von Höflichkeit handeln. Überhaupt ist es in Vietnam wichtig immer über Konditionen zu handeln. Genauso wie auf dem Markt. Aber jetzt zurück zu den Touristen.

Manchmal amüsieren sich die Vietnamesen, wenn ein Ausländer sich zum Beispiel mit einem dicken Bierbauch schwitzend durch die Strassen schleppt und sie finden es lustig, wenn ein ausländischer Mann von einer Frau auf der Honda chauffiert wird. Es sind so Äusserlichkeiten, die in den Augen der Vietnamesen als unschön gelten und es ist bezüglich des Beispiels mit der Honda unziemlich, dass eine Frau einen Mann als Beifahrer fährt, statt umgekehrt. Ein Ausländer sollte deshalb aber keinen Zorn gegenüber den Einheimischen hegen oder ihnen feindlich gegenüberstehen. Sollen sie doch ihren Spass haben und man sich selbst den Spass bewahren. Ein Besucher Vietnams muss sich auch nicht darüber wundern, dass er als Tourist als ein reicher und wohlhabender Mensch angesehen wird, selbst wenn man sich eine solche Reise sauer erspart hat. Für den allergrössten Teil der vietnamesischen Menschen ist es noch heute ein unvorstellbarer Luxus in der weiten Welt herumzureisen. Nur neureiche bzw. wohlhabende Familien oder Angehörige solcher Familien können in ferne Länder reisen. An anderer Stelle hatte ich schon einmal erwähnt, dass zwar seitens des vietnamesischen Staates und einigen privaten vietnamesischen Unternehmen viel in Hinsicht des Ausbaus des Tourismus in Vietnam getan wird, aber in zahlreichen Regionen haben die Bewohner noch niemals einen Ausländer zu Gesicht bekommen. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass man mancherorts angesehen wird, wie ein Ausserirdischer von einem fremden Stern. Auch wenn vor allem die Erwachsenen sehr zurückhaltend sind und sich bei ihnen oftmals keinerlei sichtbare Emotionen beobachten lassen, so bedeutet das nicht, das sie etwa uninteressiert wären. Nein, sie beobachten heimlich. Es gibt noch immer viele Menschen in Vietnam, welche sehr unangenehme Erfahrungen mit Leuten aus dem “Westen” gemacht hatten. Nicht zuletzt durch die Kolonialisierung durch Frankreich und dem Krieg der US-Amerikaner in Vietnam. Egal auf welcher Seite ein Vietnamese stand oder ob er, wie die meisten Vietnamesen, sich nur darum bemüht hatten mit ihren Familien zu überleben, so kann es doch vorkommen, dass diese Erlebnisse aus der Vergangenheit das Empfinden eines Vietnamesen beeinflussen kann. Jedoch ist das heutzutage eher selten der Fall. Meistens sind es sehr alte Leute die noch immer mit ihrem Trauma leben müssen. Doch aufgrund ihrer Höflichkeit würden sie niemals einen Ausländer aus Europa mit solcherart Gedanken attackieren. Im Gegenteil sind die Vietnamesen überaus gastfreundlich und sehr grosszügig.

Ein Ausländer kennt Vietnam meistens nur von schönen und glänzenden Bildern aus einem Reisekatalog. Auch wenn er an einem, vom Reiseveranstalter, festgelegten Reiseprogramm teilnimmt, so kann er nicht vollständig vom Alltagsleben der Einheimischen isoliert werden. Hat nun der Ausländer keinerlei Erfahrungen im Erleben mit bitterer Armut und Elend, so kann es für ihn ein Schock werden damit konfrontiert zu sein. Dazu muss es aber nicht kommen, wenn man sich innerlich darauf vorbereitet und dann im konkreten Fall auch damit umgehen kann. Es ist auch immer eine Frage, wie dünn die eigene Haut ist. Ich erwähne das hier auch, weil ein Tourist, der nach etlichen Tagen oder einigen Wochen wieder in seine Heimat zurückkehrt nichts daran ändern kann. Er kann den Armen Vietnams nicht helfen. Also sollte er sich das auch anlässlich seines Aufenthaltes nicht zur Aufgabe machen.

Manche Besucher Vietnams hegen später den Wunsch in Vietnam leben zu wollen. Warum auch nicht. Jedoch sollte sich jeder mal damit auseinandersetzen, wie der Alltag eines ständigen Aufenthaltes in Vietnam aussehen wird, was ihn extrem stören und was er aus seiner Heimat unter Umständen sehr vermissen würde. Auch muss man sich dann darüber im Klaren sein, dass man ein Fremder, ein Aussenseiter in Vietnam sein wird. Und in der Regel lassen es einem die Vietnamesen im Alltag auch regelmässig fühlen. Ich will diesbezüglich nicht abraten. Aber ich möchte, dass derjenige, welcher sich mit solchen Gedanken trägt auch Gedanken über alle Aspekte eines Lebens als Ausländer mit fremden Aussehen in Vietnam macht. Etwas anderes ist es, wenn man die vietnamesische Sprache sehr gut beherrscht und nach den Regeln der Vietnamesen lebt. Im direkten Kontakt mit den Vietnamesen kann dies sogar in eine sehr grosse Wertschätzung und einem besonderen Entgegenkommen gegenüber dem Ausländer umschlagen.

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