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Bisher hatte die Hanoier Regierung nach Möglichkeit eine passive Strategie verfolgt. Man wollte erstmal die Industrie und die Landwirtschaft entwickeln. Doch nach den Vorfällen im Golf von Tonkin und den darauffolgenden Bombenangriffen der Amerikaner auf Militärbasen im Norden, gab sie diese Strategie entgültig auf. In Nordvietnam hatte man inzwischen auch den gesellschaftlichen Dialog, wie von Ho Chi Minh gefordert, aufgegeben. Statt dessen doktrinierte man der Bevölkerung, wenn notwendig auch durch massiven Druck, die Führung und Alleinherrschaft der Kommunistischen Partei. Durch die nun offene kriegerische Auseinandersetzung mit Südvietnam und vor allem den USA, befand sich ein sehr grosser Teil der Bevölkerung im Einklang mit der Kommunistischen Partei und dadurch blieben massive Konflikte entgegen ihres Alleinanspruches auf die Führung in der Gesellschaft Nordvietnams weitgehend aus. Inzwischen zog sich Ho Chi Minh, aufgrund seines fortgeschrittenen Alters, mehr und mehr aus der Tagespolitik zurück. Andere Funktionäre übernahmen Führungsfunktionen.
Bisher hatte die Regierung von Hanoi eine offene Auseinandersetzung mit der Republik Vietnam im Süden des Landes und mit den Amerikanern vermieden. Man beschränkte sich auf die Versorgung der NLF mit Material und Kämpfern. Hinzu kam die weitsichtige Errichtung des Ho Chi Minh Pfades. Zwar konnten die Amerikaner diesen Versorgungsweg eingeschränkt stören. Jedoch gelang es ihnen zu keinem Zeitpunkt ihn zu zerstören oder gar ganz zu unterbinden. Vor allem an dem Aufopferungswillen der vietnamesischen Widerstandskämpfer und deren Erfindergeist scheiterte dieses Vorhaben. Der Ho Chi Minh Pfad und dessen weiterer Ausbau sollte ebenfalls eine spätere massive Aufmarschbasis auch für reguläre mit schweren Waffensystemen ausgerüstete nordvietnamesische Truppen bieten. Zwar hatte sich der Norden bis zum “Tonkin-Zwischenfall” nur ausschliesslich mit der Unterstützung der NLF zwecks Destabilisierung der Republik Vietnam befasst, aber es bestand zu keinem Zeitpunkt ein Zweifel daran, dass man die Wiedervereinigung von Nord- und Südvietnam unter Führung der Kommunistischen Partei anstrebte. Wenn notwendig auch unter Einsatz der regulären nordvietnamesischen Armee.
Bis 1964 wurde das Bestreben der Hanoier Führung für eine Wiedervereinigung von der sowjetischen Regierung unter Chruschtschow nicht unterstützt. Die sowjetische Partei- und Regierungsspitze bevorzugte eine Verhandlungslösung und erst nach dem Tod Chruschtschows ging diese wieder zu verstärkter ökonomischer und militärischer Hilfe über. Militärische Hilfe in Form von schweren Waffen, wie es Hanoi forderte, fand aber noch nicht statt. Hierin sah die Pekinger Führung ihre Chance wiederum den chinesischen Einfluss auf Vietnam auszubauen. Sie lieferte u.a. Luftabwehrraketen, Flugabwehrgeschütze und Handfeuerwaffen. Zu den sowjetischen Militärberatern kamen massiv chinesische Spezialisten hinzu. China wie auch die Sowjetunion standen sich gegenseitig mit äusserstem Misstrauen gegenüber und jede der beiden Mächte versuchte jeweils seinen eigenen Einfluss auf die südostasiatische Region auf Kosten des Anderen zu vergrössern. Doch keinem von beiden gelang es wesentlichen Einfluss auf die Hanoier Führung zu erlangen. In einer Sache waren sich jedoch China, wie auch die Sowjetunion einig. Indem man die Vietnamesen in ihrem Kampf gegen die Amerikaner unterstützte, band man damit ein gewaltiges ökonomisches, militärisches sowie auch personelles Potential des “Erzfeindes”. Zu jeder Zeit des Vietnamkrieges blieb China aber ein wichtiger und unverzichtbarer Verbündeter Nordvietnams. Denn die sowjetischen Waffenlieferungen wurden per Eisenbahn durch das Gebiet Chinas transportiert. Der grösste Effekt durch die Unterstützung der beiden Grossmächte bestand allerdings in ihrem gewaltigen Abschreckungspotential. Nicht zuletzt der Massenvernichtungsmittel, wie zum Beispiel der Nuklearwaffen.
Inzwischen wurde das innenpolitische Klima in den USA stetig unruhiger. Präsident Johnson wurde in den Wahlen von 1964 im Amt wiederbestätigt. Eigentlich wollte man sich in der Johnson Regierung mehr mit innenpolitischen und wirtschaftlichen Problemen befassen und der südvietnamesischen Regierung den Kampf gegen die Kommunisten überlassen. Doch die Zustände in Südvietnam waren chaotisch und von Unruhen bestimmt. Verstärkt sickerten weiter Widerstandskämpfer und sogar nordvietnamesische Militäreinheiten in den Süden ein und griffen sogar die amerikanische Luftwaffenbasis Bien Hoa an. Amerikas Reaktion waren Luftangriffe auf Nachschubwege der Widerstandskämpfer in Laos. Von Bombenangriffen gegen Nordvietnam nahm man bis 1965 noch Abstand. Doch nach einem Angriff der NLF auf die amerikanische Helikopterbasis in Pleiku und eine weitere amerikanische Basis begann man mit einer Luftoffensive gegen Nordvietnam. Die finanzielle und militärische Hilfe für das südvietnamesische Regime wurde weiter aufgestockt.In Saigon fand der achte Putsch statt und einer neuen Militärjunta stand als Alibi-Marionette ein Zivilist vor. Die USA entsandten mehr als 40.000 Soldaten mit schweren Waffen nach Südvietnam, obwohl der amerikanische Botschafter Taylor davor warnte. Er vertrat den Standpunkt, dass die amerikanischen Soldaten weder für einen Guerillakrieg ausgebildet noch dementsprechend ausgerüstet seien. Diese Einschätzung sollte sich später als richtig erweisen. Denn die amerikanischen Soldaten wurden für einen konventionellen Krieg unter den Bedingungen hoher Mobilität und Feuerkraft in “offenen” Feldschlachten zwischen regulären Armeen ausgebildet. Doch für einen unter erschwerten Bedingungen geführten Guerillakrieg im Dschungel, noch dazu gegen gegnerische Guerillakämpfer, welche sich auf ihnen selbst gut vertrautem Gebiet bewegen konnten, hatten sie keine geeignete Ausbildung genossen. Für die NLF-Kämpfer war es im Gegensatz dazu ein Heimspiel. Dieses Manko durch die gewaltige Feuerkraft der Luftwaffe und der anderen schweren Einheiten auszugleichen scheiterte ebenfalls, da man sie zumeist gegen einen unsichtbaren und äusserst cleveren Gegner einsetzte. Ausserdem erreichte man genau das Gegenteil. Weil die massiven Bombardierungen, die schwerste zivile Verluste unter der vietnamesischen Bevölkerung hervorriefen, der NLF neue Sympathisanten zutrieben. In den USA selbst stand der Präsident Johnson unter immensen politischen Druck. Es war nur eine Frage der Zeit, wann die Forderung der Demokraten nach einer Verhandlungslösung mit Hanoi immer dringender gestellt werden wird. Ebenfalls innenpolitisch wurde die Stimmung dementsprechend durch die stetig wachsende Friedensbewegung verschärft. Aussenpolitisch wurden ebenfalls Forderungen internationaler Regierungen, selbst einiger Verbündeter an die USA gestellt, sich in Richtung einer Verhandlungslösung zu bewegen. Es ist davon auszugehen, dass selbst der Präsident Johnson eine Verhandlungslösung bevorzugte, sich aber nicht sicher war, ob sich das südvietnamesische Regime gegenüber Nordvietnam und der NLF behaupten könnte. Und ein vereinigtes Vietnam unter einem kommunistischem Regime war den Amerikanern ein Gräuel. Diese Sorge war nicht unbegründet, denn Hanoi gab auch weiterhin nicht den Wünschen der Sowjets nach einer Verhandlungslösung nach und setzte auf eine militärische Lösung des Konfliktes, um genau das zu erreichen was die amerikanische Regierung befürchtete.
Egal von welcher Seite man diesen Widerspruch betrachtet, der sich aus dieser Situation ergab, so war es von Anfang an ein Fehler der Amerikaner den vietnamesischen Nationalismus der Vietnamesen zu verkennen und sich nur mit dem Gedanken an das “kommunistische Schreckgespenst” zu beschäftigen. Man erkannte nicht, dass selbst Ho Chi Minh zuerst ein Nationalist und erst dann ein Kommunist war. Man erkannte nicht, dass es zwischen den Konzepten der nordvietnamesischen Kommunisten und der Sowjetunion und auf der anderen Seite zwischen Vietnam und China grosse Unterschiede gab. Hanoi war sich darüber im Klaren, dass China Vietnam als seinen strategischen Hinterhof sah und Vietnam für die Sowjetunion nur ein Mittel zum Zweck war um ihren Gegner, den USA, zu schaden und ihn strategisch sowie moralisch zu schwächen. Es ist schwer zu sagen, was hätte sein können, wenn man nach der Niederlage der Japaner auf Ho Chi Minh gesetzt hätte um ihn hinsichtlich eines vereinigten, nationalistisch geprägten Vietnams als Verbündeter zu unterstützen. China wäre wohl für Ho Chi Minh eine grössere und unmittelbarere Gefahr gewesen als andere aussenpolitische Einflüsse. Aber das ist reine Spekulation, wenn auch ein interessanter Gedanke.
1965 setzten die USA jedenfalls ihre Luftoffensiven weiter fort, ohne der NLF wesentlichen Schaden zufügen zu können und die Führung von Nordvietnam ging von einem baldigen Sieg über Südvietnam aus. Die Luftoffensive wurde ständig weiter nach Norden verschoben und 50.000 weitere amerikanische Truppen wurden nach Vietnam verlegt. Bis 1966 sollten ihnen, laut Beschluss der amerikanischen Regierung, noch zusätzliche 150.000 Soldaten folgen. Im Rahmen der ständig massiveren Bombenangriffe wurden extrem mehr Bomben und Napalm abgeworfen als im 2. Weltkrieg auf deutsche Städte. Besonders der Einsatz von sogenannten Splitterbomben die jeweils hunderte kleine Stahlgeschosse freisetzten und unter der Zivilbevölkerung grauenhafte Verluste hervorriefen, sorgten für weltweite Proteste. Städte und Dörfer, welche als strategische und militärische Ziele deklariert wurden, wurden dem Erdboden gleichgemacht. Doch sie waren ausnahmslos zivile Ziele. Das internationale Ansehen der USA nahm durch ein solches Vorgehen gegen die Zivilbevölkerung schweren Schaden.Unter dem Einsatz von zehntausenden Menschen und der Unterstützung der Sowjetunion und Chinas, wurden in den Nächten Strassen, Brücken und Eisenbahnen repariert. Fabriken und Handwerksbetriebe wurden unter die Erde verlegt. Es wurde in den am schwersten betroffenen Gebieten ein mehr als 40.000 km langes Tunnelsystem geschaffen. Die Leidensfähigkeit der Vietnamesen war enorm. Sie erbrachten unmenschliche Leistungen unter grauenhaften Bedingungen. Und dies oft unter der Begleitung von Hunger. Durch den Einsatz sowjetischer Luftabwehrraketen, Flugabwehrgeschützen und Radaranlagen wurde die nordvietnamesische Luftverteidigung immer effektiver und fügte den Amerikanern immer grössere Verluste bei. Bis 1968 verloren sie 950 Flugzeuge. Obwohl die amerikanische Luftwaffe Nordvietnam dem Erdboden gleichmachte konnten sie keines ihrer Ziele erreichen. Das einzige was sie erreichte war, dass die grauenhaften Auswirkungen der Bombardements auf die zivile Bevölkerung den Protest der internationalen Friedensbewegung verschärfte und die amerikanische Regierung diesbezüglich mehr und mehr in Erklärungsnot geriet. War sie doch mit dem offiziellen Ziel in dieses Abenteuer gegangen, den freien und demokratischen Westen gegen den “verbrecherischen” Kommunismus zu verteidigen. Hanoi dagegen benutzte die gefangenen amerikanischen Piloten, oftmals unter dem Einsatz eines “gewissen Drucks”, zu ihrer eigenen Propaganda. Die durch die Bombenangriffe immer grösser werdenden Leichenberge der Zivilisten geisselten Amerika in den Augen der internationalen Öffentlichkeit zum Kriegsverbrecher, ohne dass jemals deswegen eine verantwortliche Person zur Rechenschaft gezwungen wurde. Man darf dabei nicht vergessen, dass es das gleiche Schema der Amerikaner und Briten im 2. Weltkrieg war, die deutsche Bevölkerung gezielt und im grösstmöglichem Umfang durch Luftangriffe zu töten um den Widerstandswillen der Deutschen zu brechen. Niemals wurde dieser Massenmord an unschuldige Zivilisten offiziell zum Kriegsverbrechen erklärt.

Aber trotz, dass die Amerikaner durch ihren massiven Kampfeinsatz ganze Landstriche in Mondlandschaften verwandelten und die NLF zeitweise aus ihren Gebieten vertrieben, blieben strategische Ergebnisse aus. Nachdem die amerikanischen Truppen Gebiete erkämpften und besetzten, zogen sie sich aus denselben wieder zurück. Die NLF übernahm gleich darauf wieder die Kontrolle über diese Gebiete. Allerdings gelang es dadurch den amerikanischen Truppen zumindest den Zusammenbruch Südvietnams aufzuhalten und zu verhindern. 1966 kamen im Süden Vietnams immerhin 200.000 nordvietnamesische Soldaten und Kämpfer der NLF zum Einsatz und zusätzliche 120.000 Widerstandskämpfer operierten regional. In Nordvietnam wurde die reguläre Armee auf 400.000 Mann aufgestockt. Deshalb waren die Amerikaner und ihre südvietnamesischen Verbündeten nicht einmal zahlenmässig überlegen. Damit die gewaltige Überlegenheit der Amerikaner an Feuerkraft nicht wirksam zum Einsatz kommen kann, versuchte die militärische Führung der NLF und Nordvietnams erfolgreich ihre Guerillataktik anzuwenden. Damit mussten die Amerikaner ihre Kräfte verteilen und konnten ihren Feind nicht konzentriert, mit allen Mitteln in einer offenen Feldschlacht schlagen. Die NLF bediente sich einer Hinterhalttaktik und zog sich bei Bombenangriffen in ihre weitverzweigten Tunnelsysteme zurück. Die ARVN dagegen war völlig demoralisiert und von Korruption durchsetzt. 1965 desertierten mehr als 110.000 Soldaten. Ständig mussten die Amerikaner Aufgaben der ARVN mit übernehmen. Daraus resultierte eine weitere Dezentralisierung der amerikanischen Truppen. In den USA verstärkten sich die Dissonanzen zwischen dem Präsidenten Johnson und der militärischen Führung. Johnson zeigte Verhandlungswillen, was er aber nur halbherzig anging. Das Pentagon strebte eher eine noch härtere Vorgehensweise in Vietnam an. Letztendlich hoffte Johnson auf eine militärische Wende, die den Sieg bringen würde. Dass Hanoi fest davon überzeugt war früher oder später militärisch den Sieg über die Amerikaner und Südvietnam zu erringen und deshalb selbst an keiner anderen Verhandlungslösung als einer Kapitulation des Südens interessiert war, änderte sich zu keinem Zeitpunkt. Man kann der Hanoier Führung Überheblichkeit vorwerfen, sollte dann aber beachten, dass Hanoi schon zweimal bei Verhandlungen verloren hatte. Einmal 1946 und ein zweites mal 1954 auf der Genfer Konferenz. In beiden Fällen hatten sie am Verhandlungstisch eine Niederlage erlitten, obwohl sie auf dem Schlachtfeld Sieger waren. Das Misstrauen gegenüber einer Verhandlungslösung war also nicht ganz unbegründet.
Das Jahr 1968 sollte ein wichtiges Ereignis im Vietnamkrieg werden. Mit einem Sprengstoffanschlag auf die amerikanische Botschaft und dem Versuch das Botschaftsgebäude zu stürmen, machte die NLF medienwirksam auf sich aufmerksam. Aber es steckte mehr dahinter als nur eine einzelne Kamikaze-Aktion. Gleichzeitig griffen 4000 Widerstandskämpfer Ziele in Saigon an und 80.000 NLF-Kämpfer sowie nordvietnamesische Soldaten brachen die Waffenruhe zum Tet-Fest. Die Amerikaner und ihre südvietnamesischen Verbündeten waren restlos überrumpelt worden. Die NLF eroberte auch zeitweise Hue, wo sie ein blutiges Massaker an tausenden regierungstreuen Bewohner durchführte. Inzwischen konzentrierten sich die Amerikaner auf die Verteidigung von Khe Sanh. Doch Khe Sanh war ein gelungenes Ablenkungsmanöver der militärischen Hanoier Führung. Nach schweren Kämpfen wurden die NLF-Kämpfer jedoch geschlagen und die wenigen Überlebenden mussten sich zurückziehen. Nach der Tet-Offensive zählte man 25.000 verwundete und 14.000 tote Zivilisten, 67.000 Menschen wurden obdachlos und zahllose Häuser wurden zerstört. Das kleine Dorf My Lai sollte eine traurige Berühmtheit erlangen. Eine Einheit amerikanischer Soldaten vergewaltigten die Frauen und töteten fast alle Einwohner auf brutalster Weise. Das Dorf selbst wurde mit Artillerie und Napalm dem Erdboden gleichgemacht. Auch dieses Kriegsverbrechen blieb wie so viele andere ungesühnt. Zwar fand nach dem Krieg ein Militärtribunal statt. Aber niemand wurde verurteilt. Die Verluste der NLF betrugen bis zu 40.000 Tode. Die ARVN besetzte die traditionell von der NLF beherrschten Gebiete und die NLF sollte seitdem keine entscheidende Rolle mehr im Vietnamkrieg spielen können. Ihre Rolle übernahmen die nordvietnamesischen regulären Truppen. Doch auch sie liessen sich nicht auf einen offenen konventionellen Krieg ein. Diesen hätten sie gegen die amerikanischen Truppen auch nicht bestehen können. Zwar war die Tet-Offensive für die Nordvietnamesen eine militärische Niederlage, aber politisch ein voller Erfolg. Die Amerikaner standen unter einem Schock. Die Grausamkeit dieses Krieges brach wieder mit voller Wucht in die Wohnzimmer der Amerikaner zu Hause. Besonders ein Bild ging um die Welt. Der südvietnamesische Polizeichef schoss einem gefangenen NLF-Kämpfer vor laufender Kamera in den Kopf. Was aber nie gezeigt wurde war, dass NLF-Kämpfer die Familie des Polizeichefs ermordeten. Wieder einmal war es das schreckliche Ritual des Krieges, “Auge um Auge, Zahn um Zahn”. In Amerikas Öffentlichkeit war Johnsons Glaubwürdigkeit ins Bodenlose gesunken, der versprochen hatte, dass bald eine Wende zu Gunsten der Amerikaner eintreten würde. Die wirtschaftliche Lage der USA wurde aufgrund der ungeheuren finanziellen Belastung durch den Vietnamkrieg noch angespannter und der Dollar verlor dramatisch an Wert. In den USA fanden die bisher schlimmsten Rassenunruhen statt, als Martin Luther King ermordet wurde. Ein immer noch nicht gelöstes gesellschaftliches Problem. Doch weder die amerikanische Führung, noch die Hanoier Führung dachte an ein Ende des Krieges. Die Amerikaner stockten die ARVN auf 800.000 Mannstärke auf, modernisierten die Bewaffnung und verbesserten die Ausbildung der Südvietnamesen. Im Gegenzug wollten sich die Amerikaner kontinuierlich aus Vietnam zurückziehen, wenn die Südvietnamesen ihre Aufgabe übernehmen konnten. Inzwischen gewann Nixon in den USA die Wahlen.
Die europäischen Grossbanken setzten währungspolitisch nicht mehr auf den Dollar, sonder kauften massiv Gold an. Der Goldabfluss aus Amerikaner erreichte dramatische Ausmasse. Die europäischen Verbündeten waren auch nicht willens sich militärisch an dem Vietnam-Abenteuer der Amerikaner zu beteiligen. Noch dazu, da der Protest der Friedensbewegungen in den jeweiligen Ländern immer stärker wurde. Offen dachten deswegen die Amerikaner darüber nach, ihre Truppenpräsenz in Westeuropa abzubauen. Das war natürlich auch nicht im Sinne der Westeuropäer. Die einzigen Staaten die die Amerikaner zur Beteiligung am Vietnamkrieg gewinnen konnten waren die Südkoreaner, Australier, Thailänder, Neuseeländer und Truppen aus Taiwan. Doch der Einsatz dieser Truppen blieb insgesamt besehen wenig effektiv. Als die Spannungen zwischen Nord- und Südkorea zunahmen mussten die Südkoreaner den grossen Teil ihrer Truppen aus Vietnam zurück ziehen. In Australien und Neuseeland gerieten die Regierungen wegen dem wachsenden Protest der Friedensbewegungen in ihren Ländern unter immer grösser werdendem Druck. Weltweit wurde die USA in den öffentlichen Diskussionen mehr und mehr wegen dem Krieg den sie in Vietnam führte angeprangert.
Ab 1969 dominierten hauptsächlich der neue amerikanische Präsident Richard Nixon und der neue Aussenminister Henry Kissinger die Aussenpolitik der USA. Obwohl Nixon ebenfalls an das Dominoprinzip in der Auseinandersetzung des Westens mit dem Weltkommunismus glaubte, war er alles andere als sicher, ob die USA noch einen bedingungslosen Sieg davontragen könnten. Nixon wie auch Kissinger hatten die Absicht über Moskau und Peking eine Verhandlungslösung zu finden, durch den die Amerikaner möglichst ohne Gesichtsverlust ihre 543.000 Soldaten aus Vietnam abziehen könnten. Aber auch wenn sich die Beziehungen zwischen den drei Grossmächten verbesserten, verkannten sie wie früher, daß Vietnam keineswegs nur eine Marionette Moskaus und Pekings war. Hanoi war kompromisslos und verfolgte das Ziel Südvietnam militärisch zu besiegen und die USA zu demütigen. Die USA wollten sich aber auf jeden Fall aus Vietnam zurück ziehen und begannen mit einem phasenweisen Abzug ihrer Truppen.Indessen bombardierten sie aber in immer stärkerem Ausmass den Ho Chi Minh Pfad, die Versorgungsbasen der Vietnamesen in Laos und Kambodscha sowie nordvietnamesisches Gebiet. Der militärische Nutzen war mehr als bescheiden. An einen militärischen Sieg glaubte nun niemand mehr. Die schrittweise Vietnamisierung des Konfliktes war beschlossene Sache. Die Regierung von Saigon war allerdings strikt dagegen. Niemand nahm an, dass die ARVN gegen Nordvietnam siegreich sein könnte. Von den Amerikanern bezog sie zwar Unmengen an Waffen und Munition und die Ausbildungsprogramme wurden weiter intensiviert und verbessert. Jedoch jedem war klar, dass ein Rückzug der amerikanischen Truppen aus Vietnam die Niederlage Südvietnams zur Folge haben wird. Auch amerikanische Militärs warnten vor den Folgen eines vollständigen Rückzuges der amerikanischen Truppen aus Vietnam. 1970 zog der amerikanische Kongress die “Golf von Tonkin-Resolution” zurück. Durch einen Staatsstreich wurde der kambodschanische Monarch Prinz Sihanouk entmachtet. Man munkelt noch heute, dass die CIA ihre Hände dabei mit im Spiel hatte. Der Nachfolger Sihanouks Lon Nol wandte sich gegen die Nordvietnamesen und die Roten Khmer. Nun hatten die Amerikaner Gelegenheit dazu, gegen die Rückzugsgebiete der NLF und der Nordvietnamesen auf kambodschanischem Gebiet vorzugehen. Doch zu einem entscheidenden militärischen Erfolg gelangten die Amerikaner nicht. Und sie fanden wieder nicht das geheimnisvolle Hauptquartier der NLF, welches sich in Kambodscha befinden sollte. Die Nordvietnamesen zogen sich infolge der Invasion noch weiter auf kambodschanisches Gebiet zurück. Und es begann die Zeit des Pol Pot, der anfing Kambodscha in einen Friedhof zu verwandeln. Inzwischen stieg die Kriegsmüdigkeit der amerikanischen Bevölkerung weiter an.
Nordvietnam befand sich zwar in diesem Zeitraum mehr oder weniger in der defensive. Doch unter Giap sammelte seine Kräfte und bereitete sie auf einen konventionellen Krieg vor. Gegenüber China und der Sowjetunion spielte Hanoi den einen gegen den anderen auf diplomatischem Parkett aus. Sie machten jeweilige Zugeständnisse ohne auf die Forderungen Moskaus oder Pekings verbindlich einzugehen. Dabei benutzten sie die Tatsache, dass China und die Sowjetunion miteinander rivalisierten geschickt aus. 1972 begann die nordvietnamesische Offensive unter Verwendung von sowjetischen Panzern und Artillerie. Dem Ansturm konnte die ARVN nicht standhalten und die Nordvietnamesen nahmen die fünf nördlichen Provinzen ein. Sie standen nur noch 70 Kilometer vor Saigon. Als sich die ARVN zur Verteidigung von Saigon sammelte besetzte die NLF die Gebiete um Saigon. Nixon befahl den Hafen von Haiphong zu verminen, eine Seeblockade von Nordvietnam und die bis dahin schwersten Bombenangriffe auf nordvietnamesische Ziele. Infolge dessen brach die Offensive der Nordvietnamesen zusammen und sie wurden von der ARVN und der amerikanischen Luftwaffe zurückgeschlagen. Diese Osteroffensive kostete die Nordvietnamesen 100.000 Tote. In Hanoi war man sich bewusst geworden, dass Moskau und Peking an einer Annäherung an die USA gelegen war und sie Hanoi nicht mehr bedingungslos unterstützen würden.
Die ganze Zeit waren die Pariser Verhandlungen zwischen den USA und Hanoi nur ein Alibi für beide Seiten. Hanoi kehrte nach dem Zusammenbruch der Osteroffensive und den schweren Bombenangriffen an den Verhandlungstisch zurück. Am 27. Januar wurde das “Abkommen zur Beendigung des Krieges und zur Wiederherstellung des Friedens” von den Amerikanern, von Nordvietnam, Südvietnam und Vertretern der NLF unterzeichnet. Daraufhin wurden die Kampfhandlungen eingestellt und die Amerikaner verpflichteten sich zu einem vollständigen Abzug ihrer Truppen innerhalb von 60 Tage. 1973 wurden 580 amerikanische Kriegsgefangene von Nordvietnam freigelassen und die letzten Amerikaner verliessen das Land. Obwohl die Nordvietnamesen sich nach dem Abzug nicht mehr an die Bestimmungen der Pariser Verträge halten wollten, waren es die südvietnamesischen Truppen die das Pariser Abkommen brachen. Die ARVN unter General Thieu besetzte 1000 Dörfer und sabotierten den “Nationalen Rat” in Südvietnam. Inzwischen betonierten die Nordvietnamesen den Ho Chi Minh Pfad und legten eine Pipeline um in einem geringeren Zeitraum schwere Militäreinheiten nach Süden verlegen zu können. Südvietnam war inzwischen der amerikanischen Unterstützung beraubt und wurde ausserdem hart von der Weltwirtschaftskrise und den Folgen des eigenen Missmanagements getroffen. Wohlhabende Südvietnamesen begannen damit ihren Besitz und ihre Familien aus Vietnam heraus zu bringen. In Saigon machte sich banges Abwarten auf das Kommende breit. Im März 1975 traten die nordvietnamesischen Streitkräfte zur alles entscheidenden Offensive an. Die südvietnamesischen Streitkräfte wurden von ihren Generälen und von vielen Offizieren verlassen und begannen in einem chaotischen Durcheinander zu fliehen. Am 25. März wurde Hue von den Nordvietnamesen besetzt und Hanoi beschloss den Sturm auf Saigon. Am 1. Mai 1975 eroberten die nordvietnamesischen Truppen Saigon. In einem heillosen Durcheinander versuchten zahlreiche Südvietnamesen mit den letzten Helikoptern der Amerikaner zu flüchten. Insgesamt gelang mit Hilfe der Amerikaner 150.000 Vietnamesen die Flucht. Laos und Kambodscha fielen an die Kommunisten. Damit endete der Jahrzehnte andauernde Vietnamkrieg. Für die nächsten Jahre begann in Vietnam die Zeit der Abrechnung. Nachdem Hanoi die letzten “Umerziehungslager” geschlossen hatte, begann für dieses leidgeprüfte Land eine neue Epoche in seiner Entwicklung. Ein vereinigtes Vietnam mit einer Nation ohne fremdländische Kolonialherren und heute ein international anerkanntes Mitglied der Weltgemeinschaft. Nach Jahrzehnte der politischen und wirtschaftlichen Blockade Vietnams durch die USA beendete vor einigen Jahren die USA diese Sanktionen und der amerikanische Präsident reiste zu einem Freundschaftsbesuch nach Vietnam. Noch heute sind die Wunden aus der Zeit des Krieges für viele Vietnamesen tief und schmerzlich.
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